„Was das Menschliche betrifft, bin ich mir sicher, dass wir trotz vieler Unterschiede uns dennoch sehr nah sind“ – Ein Interview mit Dr. Julia Bryk

„Besonders wichtig sind die persönlichen Kontakte und der vertrauensvolle Umgang miteinander“ – Ein Interview zum Thema „Partnerschaft der IHK zu Dortmund mit der IHK zu Rostow am Don“ mit Roland Kussel

Wie und wann ist die Partnerschaft zur IHK zu Rostow am Don entstanden?

Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Rostow und Dortmund kam es im Oktober 1992 zu einem Treffen mit Vertretern der IHK zu Rostow in der IHK zu Dortmund. Die IHK zu Rostow befand sich zu dem Zeitpunkt noch im Aufbau und interessierte sich stark für die Arbeit und Funktion einer deutschen Industrie- und Handelskammer. In diesem Gespräch sagte die IHK zu Dortmund ihre Unterstützung, beispielsweise durch den Austausch von Praktikanten, zu. Dieses Gespräch war der Grundstein der bis heute anhaltenden Partnerschaft. In 1997 wurde auch noch ein formales Abkommen unterzeichnet.

 

Worin äußert sich die Partnerschaft genau?

Insbesondere in der Aufbauphase der IHK zu Rostow kam es zum regelmäßigen Austausch von Mitarbeitern und der Organisation von gemeinsamen Veranstaltungen und Delegationsreisen. Im Laufe der Jahre hat sich die IHK zu Rostow zu einer der bedeutendsten russischen Industrie- und Handelskammern entwickelt und setzt sich heute sehr erfolgreich für alle Belange der Unternehmen im Süden Russlands ein. Inzwischen hat die Intensivität der Zusammenarbeit nachgelassen. Der letzte Besuch fand im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums der IHK zu Dortmund statt – das war 2013.

 

Wie profitieren deutsche und russische Unternehmer von der Partnerschaft der IHK zu Dortmund mit der IHK zu Rostow am Don?

Im Rahmen von Treffen zwischen Unternehmern aus beiden Städten konnten Kontakte geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht werden. Gerne stehen beide IHKs für die Mitgliedsunternehmen aus den Partnerkammern als Ansprechpartner zur Verfügung. Da deutsche Unternehmen ihr Engagement eher überregional in Russland ausrichten, ist aber die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer ebenso als wichtiger Ansprechpartner zu benennen.

 

Thema Ausbildung: Gibt es in diesem Bereich eine Kooperation?

Die duale Berufsausbildung in Deutschland hat sich bewährt und internationale Anerkennung gefunden. In zahlreichen Ländern – auch Russland – gibt es Initiativen, dieses Modell in geeigneter Form zu übernehmen. Die IHK zu Dortmund unterstützt aktiv solche Projekte in China, Spanien und Lettland.

 

Sind künftige gemeinsame Projekte geplant?

Gegenwärtig nicht.

 

Sind Sie schon selbst in Russland gewesen? Was schätzen Sie an Russland?

Ich selbst war schon sehr oft in Russland und habe beispielsweise Unternehmerdelegationen nach Rostow, Samara und Nishnij Nowgorod begleitet. Das Land beeindruckt mich hinsichtlich der Größe von Europa bis zum Fernen Osten mit ganz unterschiedlichen Klima- und Zeitzonen. Außerhalb der großen Städte erwartet einen die ursprüngliche Natur. Die Menschen habe ich als sehr herzlich und ebenso gastfreundlich kennengelernt.

 

Gibt es Unterschiede (oder Gemeinsamkeiten) zwischen Russen und Deutschen darin, wie sie Geschäfte führen?

Aus meiner Sicht gibt es keine großen Unterschiede. Besonders wichtig sind die persönlichen Kontakte und der vertrauensvolle Umgang miteinander. Dabei sollte man aber die Vertragsgestaltung und kaufmännische Gepflogenheiten nicht aus dem Blick verlieren.

 

Wie würden Sie Ihre persönliche Erfahrung mit russischen Unternehmen beschreiben?

Russische Unternehmen interessieren sich sehr für eine Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen. Wenn der erste persönliche Kontakt hergestellt ist, kann sich daraus eine lang anhaltende, gute Geschäftsbeziehung ergeben. Dabei hilft es, dass deutsche Produkte in Russland hoch geschätzt werden. Allerdings muss man etwas Geduld mitbringen.

 

Wirkt sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf die Partnerschaft aus?

Die Region Rostow am Don ist stark betroffen, da sich das Krisengebiet in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Auf unsere Partnerschaft hat das keinen Einfluss. Allerdings haben die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern wegen der Sanktionsmaßnahmen insgesamt stark nachgelassen. Davon sind Unternehmen in beiden Ländern, je nach Branche, mehr oder weniger stark betroffen.

 

Wie sehen Sie das Verhältnis von Deutschen und Russen in 5/10 Jahren?

Das Verhältnis war immer wieder von Höhen und Tiefen geprägt. Ich persönlich gehe davon aus, dass es auch für die aktuell verfahrene Lage eine politische Lösung geben wird. Wichtig ist es, gerade in der gegenwärtig schwierigen Zeit die persönlichen Kontakte und Freundschaft zu pflegen. Dann werden wir in Zukunft noch besser zusammenarbeiten,  als wir es in der Vergangenheit bereits getan haben.

 

Roland Kussel ist Referent der IHK zu Dortmund.

„Через знакомство с культурой легче наладить понимание“ – беседа с Юттой Далька и Андреасом Шульцем о побратимстве Дортмунда и Ростова-на-Дону

„Mit dem Kennenlernen der Kultur des Anderen, ist ein Verstehen einfach besser möglich“ – Ein Gespräch mit Jutta Dalka und Andreas Schulz über die Städtepartnerschaft zwischen Dortmund und Rostow am Don

 Die Städtepartnerschaft zwischen Dortmund und Rostow am Don

– Ein Gespräch mit Jutta Dalka und Andreas Schulz

 

Wie hat das mit der Städtepartnerschaft zwischen Rostow am Don und Dortmund eigentlich angefangen?

1973 war die Sowjetunion erstmals Gastland unserer Auslandskulturtage in Dortmund.

Das war eine kleine Sensation, denn das Land präsentierte sich in einer für das westliche Ausland bis dahin nicht gekannten Breite. Es gab viele persönliche Begegnungen in Vereinen, Schulen, Betrieben und bei Veranstaltungen.

Und schon damals wurde das Projekt einer Städtepartnerschaft zwischen Dortmund und einer Stadt in Russland erörtert.

Das Thema wurde danach auf diplomatischer Ebene und im Kreis der Beteiligten weiter diskutiert. 1974 bot der Botschafter der UdSSR in Bonn, Valentin Falin, Oberbürgermeister Günter Samtlebe die offizielle Städtepartnerschaft mit Rostow am Don an. Zum gegenseitigen Kennenlernen gab es wechselseitige Besuche von offiziellen Delegationen, Journalistendelegationen und Fotoausstellungen in beiden Städten bis es letztlich 1977 zur Begründung der Städtepartnerschaft zwischen Rostow am Don und Dortmund kam.

 

In welchen Bereichen findet die Städtepartnerschaft ihren Niederschlag?

Hervorzuheben ist, dass sich die Partnerschaft mit Rostow am Don sehr stark im kulturellen Bereich zeigt.

Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist das in 2008 gegründete East West European Jazz Orchestra, in dem sich Jazzmusiker aus Rostow am Don und Dortmund zusammengefunden haben.

Das Orchester hat bereits wiederholt Auftritte im Ausland absolviert und wird auch das diesjährige Stadtfest in Rostow am Don wieder musikalisch begleiten. Die fachliche Begleitung und finanzielle Förderung erfolgt im Rahmen der Internationalen Kulturarbeit der Kulturbetriebe.

Und es gibt beispielsweise den Schwimmverein Derne, der immer wieder Sportler aus Rostow am Don in Dortmund zu Gast hat und andersherum auch Sportler nach Rostow am Don schickt.

Besonders gefreut hat uns, dass junge Menschen aus Rostow am Don an den diesjährigen Internationalen Demokratietagen in Dortmund teilgenommen haben. Das Interesse der jungen russischen Gäste an unserer Stadt, aber auch an der Begegnung mit unseren weiteren internationalen Gästen war sehr groß.

Und natürlich ist die kommende Fußball WM 2018 in Russland, die ja auch in Rostow am Don ausgetragen wird, ein Thema der Städtepartnerschaft. Oberbürgermeister Ullrich Sierau konnte bei seinem Besuch in Rostow am Don im Frühjahr diesen Jahres aus den Dortmunder Erfahrungen berichten.

Festzuhalten ist, dass mit allen unseren Partnerstädten die Zusammenarbeit im Wesentlichen auf bürgerschaftlichem Engagement durch Kontakte und Aktivitäten beruht. Diese haben sich im Interesse des Städtepartnerschaftsgedankens im Laufe der Jahre zu einem großen Teil verselbstständigt. Differenzierte Zahlen über sämtliche Kontakte und Austausche stehen deshalb nicht zur Verfügung.

 

Gibt es auch Schwierigkeiten?

Schwierig gestaltet sich das Zustandekommen einer Partnerschaft zwischen einer Schule in Dortmund und Rostow am Don. Das liegt vorrangig darin begründet, dass es in Dortmund nur wenige Schulen gibt, die Russisch als Fremdsprache anbieten.

 

Was ist für die Zukunft geplant?

Der im Rahmen der Internationale Demokratietage geknüpfte Kontakt im Bereich der Jugendarbeit soll verfestigt werden. Sicher ist es nicht möglich, jedes Jahr Internationale Demokratietage durchzuführen. Es ist aber möglich, dass sich zwischen den Partnerstädten und zwischen einzelnen Verbänden und Organisationen dauerhaft etwas entwickelt oder aber zeitlich begrenzte Projekte daraus entstehen.

Darüber hinaus ist eine Kooperation mit der Hochschule für Bauwesen in Rostow am Don mit TU oder FH in Dortmund im Gespräch.

Es ist uns auch wichtig,dass die bestehenden Kontakte und Austausche erhalten bleiben. Wir werden das unterstützen und im Rahmen unserer Möglichkeiten mithelfen, diese weiter zu entwickeln.

 

Warum sind Städtepartnerschaften Ihrer Meinung nach wichtig?

Nach dem Krieg war das Thema Aussöhnung und die Sicherung friedlicher Beziehungen das wichtigste Ziel der Städtepartnerschaftsbewegung. Man war der Meinung, mit der Vermittlung partnerschaftlicher Begegnungen zwischen den Menschen könne es am besten gelingen, diese Ziele zu erreichen. Mit dem Kennenlernen der Kultur des Anderen, ist ein Verstehen einfach besser möglich. Dass Menschen ehemals verfeindeter Nationen Freundschaften schlossen und Vorbehalte abgebaut werden konnten, ist deshalb auch den Städtepartnerschaften zu verdanken.

Vieles hat sich im Laufe der Jahrzehnte im Bereich der Städtepartnerschaftsarbeit, gerade bei den bürgerschaftlichen Begegnungen verselbständigt. Es gilt jedoch nach wie vor, dass wir im Rahmen der städtepartnerschaftlichen Arbeit voneinander profitieren können. Das gilt für viele Bereiche. Insbesondere Kontakte junger Menschen und das Kennenlernen des Anderen im Rahmen von städtepartnerschaftlichen Begegnungen sind nicht durch Urlaubsreisen und das Internet zu ersetzen.

 

Macht sich der Konflikt in der Ostukraine in Bezug auf die Städtepartnerschaft in irgendeiner Form bemerkbar?

Nein.

Deutsch-russische Städtepartnerschaften können „große Politik“ auch nicht ersetzen. Nach unserem Verständnis bieten sie während Krisen die Möglichkeit, Brücken der Verständigung zu bilden.

Es gibt viele freundschaftliche Beziehungen zwischen den Menschen in Rostow am Don und Dortmund. Diese ermöglichen und garantieren die Lebendigkeit und Stabilität unserer Städtepartnerschaft.

 

Haben Sie einen persönlichen Bezug zu Russland?

Ja, wir sind beide schon mehrfach im Zusammenhang mit unserer Arbeit in Rostow am Don gewesen. Wir haben ein ausgesprochen freundschaftliches Verhältnis zu den Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die uns mit einem außergewöhnlichen Maß an Herzlichkeit und Gastfreundschaft begegnen, selbst wenn wir längere Zeit nichts voneinander gehört haben.

 


Jutta Dalka und Andreas Schulz sind Ansprechpartner zum Thema Städtepartnerschaften bei der Stadt Dortmund.

Das Interview führten Maria Khanova und Matthias Mertes.