Perspektivenwechsel: Wenn Sie sich in die Position des anderen versetzen, was denken Sie warum er/sie so handelt?

Wissen Sie, ich bin seit meiner Kindheit daran gewöhnt, mich in andere zu versetzen, und kann mir anderes gar nicht vorstellen. Ich komme aus Russland, aus einem „Melting Pot“, wo insgesamt 190 Völker wohnen, die alle ihre Sprachen, Traditionen und Meinungen haben. Seit ich klein war, besuchte ich jeden Sommer erst meine Verwandten im Nord-Kaukasus, dann in Moskau und war dann sogar nur 60 km vom Polarkreis entfernt in der Stadt Ussinsk bei meinem Onkel. In Russland sind wir so erzogen, dass wir andere Menschen, Traditionen und Meinungen respektieren. Die Universität, wo ich später in Moskau promoviert habe, heißt „Universität der Völkerfreundschaft“ – das sagt viel darüber aus, wie wichtig die Freundschaft zwischen den Völkern ist. Ich denke, es ist sehr gefährlich, immer nur eine Richtung zu unterstützen. Das kann schlimme Folgen haben, wie wir heutzutage in Europa beobachten.

 

Was schätzen Sie an Russland/Deutschland?

Ich schätze die deutsche Zuverlässigkeit, den Pragmatismus, die Ordnung, Treue und die deutsche Romantik. Vielleicht liegt es daran, dass ich zurzeit am schönen Rhein lebe. In Russland liebe ich besonders echte Freundschaft, die Herzlichkeit und die Bereitschaft zur Vergebung sowie die besondere russische Gabe, dem Alltagsleben immer mit Humor zu begegnen.

 

Was glauben Sie, gibt es Gemeinsamkeiten?

Als Juristin kann ich direkt sagen, dass wir zum gleichen römisch-germanischen Rechtssystem gehören und dass das russische und deutsche Bürgerliche Gesetzbuch fast identisch sind. Russische Zaren haben fast nur deutsche Prinzessinnen geheiratet. Im Russischen haben wir sehr viele Wörter aus dem Deutschen: Stuhl, Butterbrot, Schlagbaum… Was das Menschliche betrifft, bin ich mir sicher, dass wir trotz vieler Unterschiede uns dennoch sehr nah sind: Das liegt vor allem an der christlichen Kultur, die uns besonders geprägt hat.

 

Welche Werte haben Sie geprägt?

Die Werte habe ich aus meiner internationalen Familie und aus meiner Lebenserfahrung. Es ist eine Mischung aus russischen und deutschen Werten. Das wichtigste für mich sind meine Familie und die Heimat.

 

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen in 5/10 Jahren?

Ich hoffe, dass sich der deutsche Pragmatismus durchsetzt und wir uns an die heutigen schwierigen Zeiten nur als eine Fehlentwicklung erinnern.

 

Ihre persönlichen Begegnungen mit Deutschen und Russen?

Mein Mann kommt aus dem Süden Deutschlands und ich habe hier viele Freunde. Von Anfang an war es mir wichtig, in die deutsche Kultur und Sprache so tief wie möglich einzutauchen, um die Menschen nach Möglichkeit bestmöglich zu verstehen. Hier hilft am besten Humor und Komödie. Um ganz ehrlich zu sein, ich finde, dass die älteren deutsche Komiker wie z.B. Loriot nicht zu übertreffen sind.

 

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Dr. Julia Bryk ist  freie Journalistin und Vorstandsmitglied des Köln-Wolgograd e.V.

 

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