Möglichst viele direkte Kontakte schaffen!

Liebe Leserinen und Leser,

heute veröffentlichen wir einen neuen Beitrag zum Thema „Städtepartnerschaften“. Deutsch-Russische Akademie Ruhr hat ein ganz spannendes Gespräch mit Gerald Baars, dem Leiter des WDR-Studios in Dortmund. Er hat uns über deutsch-sowjetische Fernsehbrücke erzählt, die damals einen großen Erfolg hatte.

Wie ist die Idee mit der deutsch-sowjetischen Brücke entstanden?
Es war die Zeit, als Gorbatschow Glasnost und Perestrojka gepredigt hat, und der Wandel in der damaligen Sowjetunion einsetzte. Als lokales Fernsehen haben wir uns damals gedacht: Wir haben Rostow am Don als Partnerstadt in der Sowjetunion. Wollen wir mal „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestrojka“ (Umbau) auf den Prüfstein stellen und gucken, ob es wirklich funktioniert? Wir haben eine Live-Fernsehbrücke zwischen Schülern in Dortmund und Schülern aus Rostow am Don beantragt. Die Idee war, dass die Schüler live und unzensiert über die Themen, die sie interessieren, reden dürfen.
Welche Themen waren das?
Die Themen konnten junge Leute selbst bestimmen. Das wäre ein Fehler, das Thema vorzugeben. Dann hätten wir vorbereitete Antworten bekommen können. Wir haben es verweigert der Zensurbehörde, die es damals in Moskau noch gab, vorbereitete Themen und Fragen einzureichen. Wir wollten einen Rahmen für einen ungefilterten Dialog schaffen, in dem die Schüler sich gegenseitig befragen konnten. Wir haben es auch von unserer Seite ernst genommen. Wir haben zwar Dortmunder Schüler vorbereitet, mit der Partnerstadt vertraut gemacht und gesagt, was für Themen in Rostow relevant sind. Schüler aus Rostow haben auch etwas über Dortmund erfahren. (Wir waren damals im großen Umbruch mit der Stahlkrise; Zechen wurden geschlossen). Das sollte man wechselseitig schon wissen. Ansonsten haben wir alles offen gelassen.
Dann haben wir diese Livebrücke genehmigt bekommen. Die Anträge in Moskau wurden nach dem Eingang der Briefe bearbeitet. Die ARD hatte auch einen Antrag gestellt, aber vier Wochen später. So ist es passiert, dass wir als lokales Fernsehen die erste Fernsehbrücke live mit der Sowjetunion hatten. Die Fernsehbrücke ist sehr gut gelaufen. Dafür haben wir den Grimme-Preis bekommen, die höchste Fernsehauszeichnung, die es überhaupt gibt, und zwar als Publikumsvorschlag, was wir besonders zu schätzen wussten.
Und dann fing diese Sendung an. Das war zu der Zeit technisch gar nicht einfach. Damals gab es noch keine Satelliten, sondern es mussten die Leitungen gestrickt werden von Rostow über einen Knoten nach Moskau, von Moskau über einen Knoten nach Dortmund. Es gab dazwischen so viele Stationen, dass wir uns am Anfang zwar sahen, aber noch keinen Ton hatten. Wir konnten uns gegenseitig nicht hören. Darauf haben die Dortmunder Schüler ganz schnell reagiert: sie haben auf Zetteln Grüße aufgeschrieben und hochgehalten. Dann kam die Antwort aus Rostow, auch auf Zetteln. In zwei Minuten haben wir den Ton dann bekommen. Aber diese ersten Zwei Minuten waren ein guter Einstieg, so wurde das Eis gebrochen. In dieser Panne lag der Charme. Und danach lief das Gespräch locker. Natürlich kamen solche Fragen wie „Was ist eure Lieblingsmusik?“, „Was macht ihr in der Freizeit?“. Auf die Frage „Was wünscht ihr euch?“ haben die Schüler aus Rostow geantwortet: „Wir würden gerne nach Dortmund kommen!“ Schüler haben auch ihre Lieblingsmusik mitgebracht. Die Dortmunder ihre Lokalband „Conditors“, die im Studio gespielt hat. In Rostow sprangen alle auf und tanzten dazu. Das war großartig! Diese Sendung war sehr berührend. Wir bekamen dafür den Grimme-Preis. Aber ich habe diesen Titel nicht verdient, den haben die jungen Leute verdient, wir haben nur den Rahmen geschaffen. Die Schüler waren sehr neugierig und aufgeschlossen. Es wurden keine aktuellen politischen Themen diskutiert. Die Jugendlichen wollten sich einfach über ihr Leben austauschen.
Wir haben später noch eine Fernsehbrücke gemacht, weil sie so erfolgreich war. Die Fernsehbrücke „Arbeiter im Gespräch“ wurde zwischen den Arbeiter von Hoesch und den Stahlarbeiter aus Rostow organisiert. Die Folge: die Dortmunder Betriebsräte haben Gorbatschow nach Dortmund eingeladen. Und er kam tatsächlich. Umgekehrt haben die Betriebsräte aus Rostow den Dortmunder Betriebsrat nach Rostow eingeladen. Einer der Betriebsräte ist dann mit dem Wohnwagen nach Rostow gefahren, was damals eigentlich noch gar nicht möglich war, weil für Touristen nur organisierte Reisen erlaubt waren. Aber er konnte sich frei in der Sowjetunion mit seinem Wohnwagen bewegen. Na ja, als er an die sowjetische Grenze kam, wussten die Grenzpolizisten über ihn Bescheid. Natürlich wurde der Wagen überall beschattet. Der Betriebsrat und seine Frau haben sich noch nie so sicher gefühlt, weil sie wussten, dass jemand auf sie immer aufpasst. Ihnen konnte nichts passieren. Aus diesen Fernsehbrücken und aus diesen Treffen ist ein intensiver Austausch entstanden.
Das hat mir gezeigt, dass man gerade auch im Kleinen dazu beitragen kann, Eis zu brechen und Vorurteile abzubauen. Egal in welcher Ideologie Menschen aufgewachsen sind, haben sie die gleichen Themen, die sie berühren. Damals haben wir ein kleines bisschen dazu beigetragen, die Öffnung des Eisernen Vorhangs zu ermöglichen. Bei uns wurde die Sendung lokal ausgestrahlt und in der Sowjetunion landesweit. Das ist ein Beispiel dafür, dass die Sowjetunion offen sein wollte. Das hat den Menschen in der Sowjetunion gezeigt, wie frei die Gesellschaft geworden ist, dass so etwas möglich ist.
Gibt es seitens WDR neue Ideen für Partnerschaft und Zusammenarbeit mit Russland?
Man muss immer schauen, was für ein Thema im Moment relevant ist und versuchen, innovativ und kreativ etwas auszuprobieren. Im Moment sehe ich es schwierig, eine Form dafür zu finden, um das zu erreichen, was wir damals erreicht haben. Offiziell ist Russland jetzt ein freies, demokratisches Land. Wir können jeder Zeit aus Russland berichten. Wir können jeden Menschen auf der Straße befragen. Das wäre jetzt kein Eisbrecher mehr. Sollen wir jetzt Menschen in Russland fragen, was sie von Putin halten, und die Russen uns fragen, was wir von Merkel halten? Das ist keine Ebene für ein emotionales Gespräch. Ich wüsste auch nicht, wie ich von hier aus die Medienlandschaft in Russland beeinflussen kann. Da die Medienlandschaft in Russland von Propaganda geprägt ist, können nur die Russen selbst sagen: „Wir wollen keine Propaganda mehr!“ Medial kann ich keinen Dialog mehr anstoßen. Das Einzige was man machen kann, so viele Menschen wie möglich in das Gespräch einzubeziehen. Es wäre hilfreich, wenn die Russen, wenn sie mal in Urlaub fahren, nicht nur einkaufen oder an den Strand gehen, nicht nur an der Bar sitzen, sondern ein Gespräch suchen, um zu prüfen, ob es alles wirklich so ist, wie es in den Medien berichtet wird. Wenn umgekehrt mehr Menschen nach Russland reisen und sich nicht nur Sehenswürdigkeiten in Sankt-Petersburg anschauen, sondern versuchen dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, wäre das auch gut.
Ich würde Sie ermutigen, im Rahmen Ihres Projekts das Treffen von einer Klasse aus Deutschland und einer aus Russland zu initiieren und z.B. ein Sommercamp zu organisieren. Dort sollen die Jugendlichen gar nicht über Politik reden, sondern sich einfach kennenlernen. So werden Vorurteile am schnellsten abgebaut und Vertrauen aufgebaut.
Warum wurde die Fernsehbrücke genau mit Rostow am Don initiiert?
Rostow am Don ist die Partnerstadt von Dortmund. Das war einer der Gründe, warum wir die Genehmigung bekommen haben. Weil Partnerstädte mit einander kommunizieren müssen. Wir hatten auch eine ähnliche Fernsehbrücke mit Buffalo in den USA, auch einer Partnerstadt von Dortmund. Sie war aber viel langweiliger. Unsere Jugendlichen wussten schon ganz viel von Amerika, die Amerikaner waren nicht so gut informiert und hatten auch keine wirklichen Fragen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich belästigt fühlen, weil sie eine Stunde mit irgendwelchen Jugendlichen sprechen mussten, die nicht so gut Englisch konnten. Im Fall der Fernsehbrücke mit Rostow wussten wir wenig voneinander. Die Jugendlichen aus Rostow hatten viele Fragen, und die Schüler aus Dortmund auch. Durch den Eisernen Vorhang kam zu wenig Information über den Lebensalltag. Die Korrespondenten mussten unter Zensurbedingungen arbeiten. Es war gar nicht möglich für Korrespondenten, sich frei im Land zu bewegen und wahre Geschichten aus dem Alltagsleben der sowjetischen Menschen aufzunehmen. Jede Fahrt, jede Drehgenehmigung musste damals bei KGB beantragt werden. Dass diese Fernsehbrücke mit Rostow am Don damals zustande gekommen ist, war wirklich einzigartig!

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