Mit Demokratie und Respekt einander kennen lernen

Vor kurzem war die Deutsch-Russische Akademie Ruhr zu Gast beim Respekt-Büro Dortmund. Das Respekt-Büro ist eine Servicestelle des Jugendamtes der Stadt Dortmund bei der Vermittlung der demokratischen Werte. Das Respektbüro fördert Demokratie durch außerschulische Aktivitäten wie Aktionen, Projekte, Trainings  und Workshops. Zu den Aufgabenbereichen des Respekt-Büros gehören neben der Demokratieförderung auch Interkulturelle Arbeit, Erinnerungsarbeit und Gewaltprävention.

Die Deutsch-Russische Akademie Ruhr interessierte in erster Linie, welche Erfahrungen das Respekt-Büro in der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen aus Russland gemacht hat. Respekt-Büro Dortmund hat Kontakt nicht nur zu den Jugendlichen aus der Partnerstadt Rostow am Don, sondern es hat auch einen Austausch mit den Jugendlichen aus Petrozawodsk im Norden Russlands organisiert. Das Thema des Jugendaustausches, den das Respekt-Büro zusammen mit IBB (Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk e.V.) organisiert hat, war „Was verbindet uns, was trennt“. Wie kann man sonst besser diese Frage beantworten, als durch gegenseitige Besuche?

Noch ein Projekt, das den Jugendlichen eine Möglichkeit gegeben hat, Deutschland zu besuchen und Gleichaltrige kennen zu lernen, heißt „Internationale Demokratietage“. Die ersten Internationalen Demokratietage haben in Dortmund am 06. – 13. Mai 2015 stattgefunden und wurde dem 70 Jahre Kriegsende gewidmet. Das Projekt hatte einen richtigen Erfolg, weil aus allen 9 Dortmunds  Partnerstädten Jugendliche gekommen sind. Aus Rostow sind 6 engagierten jungen Menschen gekommen. Eine wichtige Voraussetzung bei der Bewerbung war, dass die Jugendlichen schon vorher ehrenamtlich gearbeitet hatten.

Das Projekt wurde von dem Oberbürgermeister Ulrich Sierau initiiert. Verschiedene kulturelle Einrichtungen, Agenturen aus Dortmund konnten sich bewerben und das Projektprogramm mitgestalten. Für jede von 9 Gruppen der Gäste brauchte man Ansprechpartner und Betreuer, die auch die Sprache des jeweiligen Landes beherrschen. So haben Frau Herdt und Herr Woßmann aus dem Respektbüro eine Aufgabe bekommen,  die Gruppe Rostower Jugendlichen zu betreuen.

Der Aktionstag im Rahmen der Demokratietage in Big Tipi wurde von dem Bereich Kinder- und Jugendförderung des Jugendamtes Dortmund (wo auch das Respekt-Büro dazu gehört) in Kooperation mit Jugendring Dortmund organisiert und durchgeführt. An dem Tag war das Respekt-Büro, als eine zentrale Einrichtung der außerschulischen Bildung im Bereich der Kinder- und Jugendförderung des Jugendamtes im Einsatz.

Im Rahmen der Workshops und eines World Cafes haben sich Jugendliche aus Dortmund und Rostow mit den Themen wie Vielfalt und Toleranz, Menschenrechte und Respekt, Beteiligung der Jugendlichen am politischen und sozialen Leben,  Demokratie und mit der aktuellen Problematik der Geflüchteten auseinandergesetzt. Auch andere Aktivitäten wie Reiten, Bogenschießen, Kicken, Fotografieren, Klettern haben den Jugendlichen geholfen Gleichaltrige aus anderen Ländern besser kennenzulernen.

Jugendliche aus Rostow haben ein großes Interesse und Dankbarkeit gezeigt. Sie waren von neuen Bekanntschaften und Aktivitäten voll begeistert, besonders vom BVB-Spiel im Stadion. Frau Herdt vom Respektbüro sagte, dass die Jugendlichen und die Organisatoren sich so schnell angefreundet haben, dass man am Ende der Woche das Gefühl hatte, man kenne sich schon sehr lange.

Man wollte die entstandenen Kontakte unbedingt für weitere Projekte nutzen. Es gibt bereits viele Kontakte zwischen den Geschäftsleuten beider Partnerstädte oder Schulpartnerschaften. Das Respektbüro wünschte sich auch ein Projekt im Bereich der außerschulischen Arbeit ins Leben rufen.

So ist man auf die Idee gekommen, an dem von der Stiftung Deutsch-Russischer Austausch organisierten Workshop teilzunehmen. Man hat die Werbung für dieses Seminar in Rostow gemacht. Die Jugendlichen aus Rostow haben dann wieder eine Möglichkeit bekommen, mit ihren Freunden aus Deutschland zu treffen (diesmal in der Akademie Schönbrunn bei München) und ein weiteres Projekt zu entwickeln. Im Laufe des Seminars haben die Jugendlichen ein Thema gefunden, das für beide Partnerstädte aktuell ist und zwar die Flucht. Rostow am Don ist die naheste Großstadt zur ukrainischen Grenze und muss Menschen aus der Ukraine aufnehmen, die vom Militärkonflikt in der Ostukraine fliehen. Diesmal möchten sich russische und deutsche Jugendliche mit dieser Problematik beschäftigen, auch in historischer Perspektive. Das Projekt wurde positiv bewertet und wenn die Finanzierung genehmigt wird, fahren deutsche Jugendliche im Mai nach Russland und werden dort mit russischen Freunden die Idee weiter entwickeln. Deutsch-Russische Akademie Ruhr wünscht allen Teilnehmern dieses Austausches und dem Respektbüro viel Glück und Erfolg!

 

Über Russland, Deutschland…und Serbien – ein spannendes Gespräch mit Aleksandar Tosic

Was verbindest du persönlich mit Russland und mit Deutschland?

Ich fange mit Deutschland an. Mit Deutschland verbinde ich zunächst Technik, Fortschritt, eine hohe wirtschaftliche Leistung. Dazu gehören auch unzählige Schriftsteller. Aber natürlich auch die bayerische Weißwurst, die Deutsche Bahn und Bier. Was Gleichaltrige angeht, so ist für Deutschland ein gewisser Amerikanismus typisch. Man lebt amerikanischen Lifestyle viel mehr als man denkt. Es ist einfach drin, ohne dass man das begreift.

Was denkst du, ist Amerikanismus in den letzten paar Jahrzehnten präsenter geworden?

Ich bin 1991 in Westdeutschland geboren. Damals war der Amerikanismus schon da. Wenn ich jetzt im Nachhinein reflektiere, dann sehe ich, dass der amerikanische Lebensstil zunimmt.

Was verbindest du mit Russland?

Das mag man mir vielleicht nicht glauben, aber an erster Stelle verbinde ich mit Russland eine natürliche ökologische Vielfalt. Man muss Russland nicht nur immer aus einer stereotypisierten Perspektive betrachten. Russland ist ein riesiges Land. Dadurch, dass ich einige Bereiche in Russland besucht habe, wie z.B. den Baikalsee, habe ich gesehen, dass Russland  eine große natürliche biologische Vielfalt einschließt. Ich denke dabei an sibirische Landschaften, Birkenwälder, den Baikalsee, schöne Gebirgslandschaften, Täler, Flüsse etc. Des Weiteren noch typische Leckereien: Pelmeni, Prjaniki usw. Wie auch in Bezug auf Deutschland, spielen Schriftsteller eine wesentliche Rolle. Da gibt es noch einen Punkt – Oligarchen in Russland. Nicht, dass es Oligarchen sonst nirgendwo gäbe, aber ich meine, für Russland ist es besonders typisch. Sie sind vor allem im Bereich der Öl- und Gasindustrie zu präsent. Eine Riesenspalte, eine weitgehende Schere zwischen Arm und Reich ist in Russland ganz klar zu sehen. Man hat noch keine große Mittelschicht. Ich glaube eine Mittelschicht etabliert sich mittlerweile, aber sie hat es auch nicht einfach.

Wenn wir jetzt über Menschen sprechen, worin liegen Unterschiede zwischen Deutschen und Russen?

Ich bin selbst nicht ganz deutsch. Ich hab einen serbischen Background; meine Eltern sind Serben, ich bin aber in Deutschland aufgewachsen. Wenn ich mein Verhalten reflektiere, vor allem wenn ich in Serbien bin, in einem anderen kulturellen Umfeld, merke ich, dass ich viele deutsche Züge habe, die die Serben wiederum nicht haben. Menschen strukturieren hier in Deutschland ihren Alltag sehr klar. Es läuft alles planmäßig. Man plant den Urlaub ein halbes Jahr voraus, aber in Serbien würde das keiner machen. Struktur, Planmäßigkeit, Pünktlichkeit, Bürokratie – alles muss seine Ordnung haben. Jeder Lebensschritt muss dokumentiert werden. Das ist die eine Seite. Andererseits sind Deutsche trotz ihrer „Ernsthaftigkeit“ sehr lebensfroh.

Was für Russen typisch ist? Offenheit auf jeden Fall. Extreme Gastfreudigkeit. In Deutschland sind privates und berufliches sehr voneinander getrennt. In Russland habe ich das Gefühl, dass verschiedene Sphären des Alltags ineinanderfließen, dass die Menschen ganz anders eingestellt sind zum gesamten Leben. In Deutschland würde ich mich im privaten Leben anders präsentieren als auf der Arbeit. In Ländern wie Russland hat man einen gewissen Fluss. Wie ich die Menschen in Russland im beruflichen oder akademischen Alltag kennengelernt habe, so sind sie auch privat – da merkt man ein Kontinuum.

Wie kannst du deine Begegnungen mit Russen beschreiben?

Sie sind an allem interessiert, was du machst. Sie würden sich alles anhören und alles fragen was sie interessiert. In Deutschland würde man überlegen, wie strukturiere ich das Gespräch, was frage ich zuerst, was frage ich lieber nicht. In Deutschland achtet man sehr darauf, dass man das Gesicht des anderen wahrt. Mich würde hier ein Professor niemals über Dinge fragen, die zu sehr ins Private gehen. In Russland war das gang und gäbe. Man baut sofort einen persönlichen Bezug zueinander. Hier in Deutschland muss das über mehrere Etappen verlaufen.

Du hast bereits Schriftsteller erwähnt…Welche russischen Schriftsteller gefallen dir?

Ich habe mich häufig mit Tschechow befasst. Ich habe einige seiner Kurzgeschichten gelesen, dann auch auf Russisch, das gehört zu meinem Lernprozess. Was mir sehr gefallen hat, ist seine kritische Darstellung der Gesellschaft. Tschechow als Person finde ich ohnehin total interessant. Man muss sich vorstellen: er war beruflich kein Schriftsteller, sondern er war Arzt. Das war ein Mensch, der so eine Art Rund um- Bildung hatte, wie man es heute nicht so einfach findet.

Welche Werte haben dich geprägt?

Ich kann nicht sagen, dass ich a) eine serbische Seite habe und b) eine deutsche. Ich bin eher wie ein Topf, in dem verschiedene Zutaten drin sind. Es ist nicht so, dass wenn ich mit Serben bin, ich eine serbische Maske aufziehe, und wenn ich mit Deutschen bin, dann eine deutsche – das funktioniert einfach nicht. Deutsche spüren, dass ich nicht 100% deutsch bin, wiederum spüren Serben, dass ich nicht 100% serbisch bin. Was den deutschen Anteil in meinem Selbst angeht, spielen vor allem Demokratie und persönliche Freiheiten eine große Rolle. Persönliche Freiheiten in jeglicher Form, sei es Meinungsfreiheit oder Recht auf Unversehrtheit. Ich könnte mir nicht vorstellen auf meine Freiheiten zu verzichten. Das heißt nicht, dass es in Serbien keine Freiheiten gibt. Es gibt aber Unterschiede, z.B. im Bereich Meinungsfreiheit. Was serbische Werte angeht, so habe ich einen starken Bezug zu meiner Familie. Man denkt noch sehr familiär und kollektiv. Viele Schritte, die du tust, tust du nicht unbedingt aus deinem individuellen Interesse heraus. Du überlegst, inwiefern Taten etwas deiner Familie bringen, welche Konsequenzen sie haben. Es gibt Situationen, in denen man viel weniger an sich denkt, sondern viel mehr an eigene Familie. Da ist noch ein enormes Kollektivbewusstsein in mir drin. Ein ganz einfaches Beispiel: es ist für Deutschland untypisch, dass man in meinem Alter noch bei den Eltern lebt. In Serbien ist das alerdings ganz normal, dass man in einem relativ hohen Alter noch zu Hause lebt. Das hat damit nichts zu tun dass man nicht reif ist, sondern eher mit einem Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Familie. Man sagt, wenn man auszieht, dann übernimmt man erst Verantwortung. Aber man übernimmt ebenfalls Verantwortung, wenn man zu Hause bleibt und mit diversen Aufgaben konfrontiert wird. In vielen Menschen ist noch dieses Denken da: solange man zu Hause wohnt, sind die Eltern ober- und du bist quasi untergeordnet. Man muss sich davon lösen. In einer serbischen Familie ist jeder auf derselben Hierarchieebene. Jeder ist ein wichtiger Teil, ohne welches vieles nicht funktioniert.

 Am Ende unseres Gesprächs dachte ich mir: es ist ein großer Vorteil für Menschen mit einem Migrationshintergrund oder einer Migrationsgeschichte in der Familie. Man kann das Beste aus seinem Heimatland oder dem Heimatland seiner Eltern nehmen und aus dem Land wo man wohnt und dann die besten Zutaten in einem Topf vermischen. Diesen Vorteil muss man nutzen!

Interview mit Aleksandar Tosic hat Maria Khavanova durchgeführt.

12483550_1034417669933070_764363603_n