„Liebe Freunde…“,

Wjatschjeslaw Schulshenko, Professor an der Staatlichen Universität Pjatigorsk, erhebt das Glas. Wir alle, deutsch, russisch, kaukasisch und georgisch unterbrechen unser Mahl und schenken ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. „Liebe Freunde…“

Während er spricht, denke ich an den heutigen Tag und bin erneut ergriffen von unserem Besuch beim Beshtagorovsky  Kloster auf dem Berg Beshtau. Dort, wo ich Einsamkeit und Stille erwartet habe, haben wir Gastfreundschaft und eine überaus interessante Historie gefunden. Einer der zehn hier lebenden, russisch-orthodoxen Mönche nimmt uns ohne vorherige Absprache in Empfang und führt uns herum. Man kann seine Begeisterung spüren, seine Detailverliebtheit und seine Offenheit für Menschen aus aller Welt. Wir besichtigen den weiten Platz, der im Sommer bis zu 600 Gläubige zum gemeinsamen Gebet vereinen kann. Wir sehen Bienenstöcke, in denen der Honig neben der Produktion von Brot und Kerzen als eine der Einnahmequellen für die Restauration des Klosters, gesammelt wird. Wir verlieren uns im klostereigenen Museum in geschichtsträchtige Kleinode, Bücher, Devotionalien. Und wir bekommen einen Einblick in ein Leben voller Gegensätze, das Glauben, Zurückgezogenheit und Kontemplation mit Pilgern aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt, mit i-Phone und Instagram (beshtau_afon_monastery) vereint.

Sofort werden die Gläser wieder aufgefüllt, georgische Delikatessen werden auf unsere Teller gehäuft und angepriesen. Was nicht nötig wäre, ist doch jede Speise ein Hochgenuss und schmeckt in solch illustrer Runde doppelt gut.

Der Geschmack der Kräuter erinnert mich an das weibliche St- Georgs-Kloster, das wir im Anschluss an das männliche besucht haben. Prunkvolle, gepflegte Gärten liegen vor uns. Goldene Kuppeln, weiß getünchte Fassaden und ein erhabener Ausblick auf die umliegende Landschaft unterstreichen den malerischen Charme dieses Ortes. Ein Brunnen mit Heilwasser zieht uns an und wir bemerken, wie die Lebensgeister nach dem Genuss in uns geweckt werden. Verjüngt und voller Elan konkurrieren wir mit den Schönheiten des heutigen Tages, die mit diesem herrlichen Festmahl enden.

Natalia Kaschirina, unsere unmittelbare Ansprechpartnerin, dolmetscht, als es nun an uns ist, unsere Eindrücke der Reise in Trinksprüchen festzuhalten. Mit Wodka, Wein und Wasser stoßen wir an und sind erstaunt darüber, wie wir gegenseitig den Kern unserer Persönlichkeiten in Worten einfangen können.  Es ist, als wenn wir uns seit Jahren kennen und das Gefühl von Verbundenheit wächst weiter und weiter.

Ich schaue in die Runde. Neben uns Deutschen teilen die Dozenten der Universität, Wjatschjeslaw und Natalia, die Erlebnisse des heutigen Tages mit uns. Darüber hinaus treffen wir Vladimir Shatakishvili wieder, einen Schriftsteller, dessen Familie der „Forellenhof“ gehört, in dem das Essen stattfindet. Ein Ort übrigens, den auch Breschnew oft und gerne besucht hat. Ebenfalls am Tisch sitzt die letzte Prinzessin von Georgien, die wir bereits beim Lermontov-Kongress kennengelernt haben. Neue Bekanntschaft machen wir mit dem Direktor der wichtigsten Literaturzeitschrift Russlands, der sich heute allerdings privat in Pjatigorsk aufhält.

Ich schaue in die Runde. Uns allen gemeinsam ist die Liebe zur Literatur, die Grenzen überwindet und Kulturen vereint.

Und Wjatschjeslaw spricht aus, was wir innerhalb einer gemeinsam verbrachten Woche geworden sind: „Liebe Freunde“.

Autorin Patricia Malcher