Für unsere kleine Delegation deutscher AutorInnen stehen heute wichtige Termine an. Bei „Diplomatenwetter‟, unter strahlendem, wolkenlosen Himmel, begeben wir uns zusammen mit Dr. Natalia Kashirina in die Staatl. Universität Pjatigorsk. Schranken, Wärter, Kontrolle – hier kann man nicht wie bei uns einfach so ins Unigebäude spazieren. Um 10 Uhr treffen wir die Dekanin Prof. Dr. Irina Akopyants in ihrem Büro. Frau Akopyants ist eine beeindruckende Frau, eine Persönlichkeit. Schon während der Begrüßung hat man das Gefühl, ihrem Blick entgeht nichts, fast fühlt man sich ein bisschen in die eigene Studentenzeit zurückversetzt, als DirektorInnen und ProfessorInnen noch Autoritätspersonen waren. Unsere Konversation findet auf Englisch statt, die russischen Einschübe werden von Natalia wie immer schnell ins Deutsche übersetzt. Lächelnd, mit warmer Stimme, erzählt die Dekanin ein bisschen über sich und ihrer Zeit in Amerika. Sie fragt uns, wie wir Pjatigorsk finden. Wir fühlen uns hier sehr wohl, sagen wir, und meinen das auch so. Unser einziger Kritikpunkt sind die „amerikanisierten‟ Restaurants, die Beschallung mit Popmusik und Videos aus USA überall, etwas, was wir schon bei uns zu Hause nicht mögen und hier eher nicht erwartet hatten. Damit sind wir auch schon beim Thema Sprache, der Wichtigkeit von Sprachen, von Sprachaustausch, der Omnipräsenz des Englischen. Wir stimmen ihr zu: Das Erlernen der englischen Sprache ist natürlich wichtig, allerdings werden andere Sprachen vernachlässigt, und damit einher geht leider auch ein Interessenverlust an anderen Kulturen. Deutsch lernen nur noch wenige. Und Russisch bei uns? Wohl noch weniger. Wir erfahren, dass es Institute im spanischen Cadiz, in Frankreich und England gibt, aber nicht in Deutschland, es gäbe Schwierigkeiten mit dem deutsch-russischen Austausch. „Wir bedauern das‟, sagt Frau Akopyants. Das gibt einem zu denken. Warum ist das so? Deutsche und Russen vereint eine lange Kulturgeschichte. Diese Kultur sollte über den politischen Querelen und der negativen Presse stehen. Ich glaube, in uns allen ist der Wunsch, diesen Austausch zu erneuern und zu fördern.

Über Treppen, Gänge, vorbei an Scharen von Studenten und Studentinnen unterschiedlicher Couleur, gehen wir in die Philologische Abteilung. Durch eine offenstehende Tür erhascht unser Blick eine Gruppe, die gerade einen ethnischen Tanz einübt. In einem der Seminarräume erwarten uns neben Prof. Dr. Margarita Morosowa und Marlies Wenzel etwa 20 Studenten und Studentinnen. Einige haben für uns etwas vorbereitet. Sie werden uns aktuelle russische Autoren vorstellen, das interessiert uns brennend.

Prof. Dr. Wjatscheslaw Schulshenko, der uns schon am ersten Tag auf unserem Spaziergang am Berg Mashuk und beim Poesiefestival begleitet hat, führt in das Thema ein. Die Studenten Anja Kravtsova und ihr Freund Vitali übersetzen für uns simultan die ca. zwei Stunden dauernde Veranstaltung. Eine Meisterleistung, denn es wird viel gesprochen!

Prof. Schulshenko betont die Wichtigkeit von Poesie und Literatur nach dem Zerfall der Sowjetunion. Der Poet sei so etwas wie ein Fachmensch, sagt er, ein Bodyguard der Poesie. In Russland gibt es mittlerweile viele Literaturpreise, Literaturforen und Veranstaltungen, ca. 600.000 Menschen schreiben auf Russisch. Früher unterschied man zwischen nationaler Literatur – der Schriftsteller war der wichtigste Mensch der Welt – und der Literatur, die sich dem Westen zuwandte.

Eine Richtung der neueren russischen Literatur ist der Neorealismus. Die Tradition des Realismus des 19. Jahrhunderts ist wichtig für diese Art von SchriftstellerInnen. Es handelt sich um ein schwieriges literarisches System, in dem sich vor allem die ältere Generation von Schriftstellern bewegt, aber auch einige jüngere AutorInnen. Heute ist es wichtig, über die aktuelle Geschichte zu schreiben, dabei aber nicht von der marxistischen Position auszugehen. Romane helfen, bestimmte Themen zu verstehen. Eine bedeutende Stellung kommt auch den Frauen in der Literatur zu. Ihr Blick ist anders, auch ihr Blick auf soziale Probleme. Diese große Zahl an Literatinnen wie es sie heute gibt, kannte man in Russland bis vor kurzer Zeit nicht.
Zu erwähnen sind die vielen russischen SchriftstellerInnen, die im Ausland leben, obwohl man sie nicht unter den Begriff „russische Literatur‟ stellen darf. Das sind zwei verschiedene Dinge, sagt der Professor. Auch in Aserbaidschan oder Usbekistan wird auf Russisch geschrieben, aber das ist nicht die Ästhetik der Russischen Literatur. Einige AutorInnen schreiben auf Russisch und übersetzen dann ihre Werke  in die andere Sprache. Das sei schon etwas Besonderes, meint Schulshenko, weil vom Autor selbst übersetzt wird.
In den letzten 20 Jahren zeigt sich in der russischen Literatur die Spaltung in Ost und West. Bereits im 20. Jahrhundert gab es ein großes Interesse für den Westen. Viele Romane der letzten 10 Jahre sind eine Synthese aus europäischer und asiatischer Kultur. Die SchriftstellerInnen sind internationaler, die Mentalitäten verschieden, sie vermischen sich. Diejenigen, die zum Beispiel in Israel auf Russisch schreiben, wollen nicht als Russische SchriftstellerInnen gelten. Generell findet eine Variation von Sprache statt. Allerdings gibt es die Archetypen: Märchen und schwierige Philosophische Romane werden auf Russisch geschrieben.

Europäische LeserInnen haben leider keine Möglichkeit, kaukasische Literatur kennenzulernen, weil es keine Übersetzungen gibt. Es gibt kleine Völker, die nur 5 oder 6 SchriftstellerInnen haben; schwierig, dass die in Europa berühmt werden. Deshalb ist die Russische Sprache ein Vermittler zwischen Europa und Asien.
Nun sind die StudentInnen an der Reihe.

Die erste Referentin stellt uns Dina Rubina vor, weil ihre Werke Alltagsprobleme beschreiben und Erfahrungen vermitteln, wie z.B. das Problem alleinstehender Mütter. Es ist wichtig, sich selbst zu finden, sagt sie, es sei schlecht, wenn Menschen andere Menschen manipulieren wollen, man dürfe nicht egoistisch sein. Auch deshalb sei diese Autorin, die ihre LeserInnen für aktuelle Probleme in der Gesellschaft sensibilisiert, so wichtig.
Marina Achmedowa, die von einem Studenten vorgestellt wird, wurde in Tomsk geboren und wohnt in Moskau, sie ist Philologin und Journalistin. Ein Thema in ihrem Werk ist der Terrorismus. In einem ihrer Romane beschreibt sie das schwierige Leben während des Krieges, wie man sich in der Not gegenseitig hilft, es geht um die Frage der Moral. Auch Menschen mit Behinderungen sind ein Thema. Prof. Schulshenko weist auch darauf hin, wie wichtig das Problem der Invaliden in der Literatur sei, nicht nur soziale Probleme allgemein.
Der in Kiew geborene Efgenij Vodolazkin gehört zu den modernen, sehr populären Autoren Russlands, der in viele Sprachen übersetzt wurde. Er ist Philologe, studierte an einer wichtigen Akademie, er hatte also eine gute Ausbildung, heißt es, forscht und schreibt viel. Der Referent weist auf den Roman „Lavr‟ (Deutsch: Laurus) hin, der von einem Mann im 15. Jahrhundert handelt. Es geht um die Suche nach sich selbst, um die Kindheit.

„Ich möchte über ein Probleme sprechen‟, sagt ein Student. Ganz kommt nicht bei uns an, was er genau meint, und schließlich sagt er – zur Erheiterung aller –, dass er sein Problem eigentlich selber nicht verstehe. Das russisches Volk sei ein gebildetes Volk, sagt er, allerdings noch nicht lange, denn vor etwa 150 Jahren gab es nur wenige Gebildete. Die Schriftsteller damals schrieben nur für andere Schriftsteller oder die Vertreter der Aristokratie. Heute wird sehr viel geschrieben, aber ob das gut sei? Dennoch ist es wichtig, auch für einfache Menschen zu schreiben.
Prof. Shulzhenko schaltet sich dazwischen: Wenn zu viele Menschen schreiben, das ist nicht gut. „Es sollte nur wenige SchriftstellerInnen geben, oder was meinen Sie?‟

Nun wird uns der Arzt, Science-Fiction- und Fantasy-Autor Sergei Wassiljewitsch Lukjanenko vorgestellt und sein Roman „Nochnoi Dozor‟ („Wächter der Nacht‟) hervorgehoben. Er sei so interessant, weil er eine Riesenwelt erschaffe, angefangen vom Mittelalter bis in die Zukunft. Ein Thema des Autors ist das Universum im Vergleich zur Realität. Das Werk „Nochnoi Dozor‟, in dem es auch um Kindheit geht, wurde verfilmt, aber das Buch sei viel spannender, hören wir. Nach der schwierigen klassischen Literatur  kann man realistische Literatur, oder eben so etwas lesen, es sei ein bisschen anders, sagt der Referent.

Der letzten Autor ist Sachar Prilepin. Der frühere Polizist, der zum Schriftsteller wurde, gilt als politischer Aktivist, schreibt auch für Filme. Militärische Themen sind der Schwerpunkt seiner Romane, seine Stimme ist kritisch. Der Roman „Sankya‟ wird empfohlen, in dessen Mittelpunkt ein jugendlicher rebellischer Held steht, der im Gefängnis Folter und Erniedrigung erfährt. Im Werk Prilepins stehen die seelischen Probleme des Mannes im Mittelpunkt, wie schwierig der Krieg für ihn ist. Um sein Trauma zu überwinden, verfällt er dem Alkohol (Alkoholismus ist ein großes Problem). Prilepin beschreibt etwas, was für Außenstehende schwer zu verstehen ist.

Keiner der AutorInnen ist uns Viellesern und LiteraturexpertInnen bekannt. Die jungen Menschen haben sich viel Mühe gegeben, Überzeugung und Begeisterung spricht aus ihren Vorträgen. Sie haben uns angesteckt, wir möchten diese Werke auch lesen.

Anschließend diskutieren wir über die Situation der Literatur in Russland und Deutschland, welchen Stellenwert sie hat, wo Schwierigkeiten liegen. Wie so oft stellt sich heraus, dass es Ähnlichkeiten gibt, auch, dass allgemein zu wenig gelesen wird. Doch sind die StudentInnen überrascht, als wir vom Kampf der Literaturschaffenden erzählen, wie wenig ein unbekannter Autor in Deutschland verdient, wie große Verlage kleine schlucken, alles zu einem Einheitsbrei verkommt, der auf gekauften Flächen in großen Buchhandlungsketten und auf gekauften Plätzen der Bestsellerlisten angepriesen wird. Eine schmutzige Realität. Doch unsere Begeisterung zu lesen kann sie nicht schmälern, wir wissen um die Bedeutung guter Literatur und wie wichtig es ist, sie zu verteidigen und zu propagieren. Da sind wir uns mit den russischen StudentInnen der Philologie wohl einig.

Nach diesem höchst interessanten Gespräch, das für uns hätte ruhig länger gehen können, sitzen wir beim Kaffee mit Margaret und Natalia. Die Diskussion geht weiter. Wie bringt man Menschen zum Lesen? Die Verflachung von Sprache – u.a. durch Anglizismen, durch digitale Medien – ist sowohl in Russland als auch in Deutschland und Europa zu bedauern. Es wird zu wenig gelesen, die Menschen, jung wie alt, werden ungeduldiger, man nimmt sich keine Zeit mehr.
Zum Abschluss zeigt Natalia uns das Universitätsgebäude. Auf den Gängen der philologischen Abteilung hängen Plakate mit den Sehenswürdigkeiten aus verschiedenen Ländern. Deutschland ist mit bayerischen Kulturgütern etwas überladen, das Bierglas vielleicht zu groß geraten, aber das sind nun mal die Klischees. Hoffen wir, dass russischen Menschen unser Land auch anders kennenlernen. Einige Räume sind sehr schön ausgestattet. Z.B. der russische Raum, er ist teilweise holzverkleidet (Balken werden in ausgetüftelter Technik ineinandergeschoben), es überwiegen Rot- und -Goldtöne, es gibt typischen Attribute, Bilder und Gegenstände zu bewundern, Fotos der großen Dichter Puschkin, Lermontow, Tolstoi, Gogol, Dostojewski, Tschechow hängen in einer Reihe. Auch der gegenüberliegende polnische Raum ist sehr schön.

In diesem Institut werden viele verschiedene Sprachen gelernt, jeder Raum ist ein kleines Land für sich, aber hier liegen diese Länder Tür an Tür in harmonischer Nachbarschaft. Junge Menschen unterschiedlicher Religionen aus Russland, Georgien, Tschetschenien, Usbekistan studieren hier, sprechen und leben zusammen. Ein friedlicher Mini-Kosmos. Wissen sie um dessen Bedeutung?

Wie wertvoll diese Eindrücke heute waren, denke ich. Wie viel man erfahren kann, nicht über Unterschiede, sondern über Gemeinsamkeiten. Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, verbindet uns die Liebe zur Sprache, das Interesse an der Sprachwissenschaft, der Literatur und Dichtung. Kultur vereint, Nationalismus spaltet. Sich öffnen und sehen wie andere sich öffnen. Ich wünsche mir, dass deutsche junge Leute hier nach Pjatigorsk kommen und die StudentInnen dieser Universität kennenlernen. Und umgekehrt.

Autorin Daniela Gerlach