DEUTSCH-RUSSISCHE LITERARISCHE BEGEGNUNGEN IN DORTMUND: INTENSIV, EMOTIONAL UND FACETTENREICH

5 Arbeitstage, etwa 500 gefahrene Kilometer, 4 Institutionen aus dem Bereich Literatur, 1 Vortrag und 1 Lesung und sogar 2 Schulen – das alles haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der deutsch-russischen literarischen Begegnung in einer Woche erlebt! Die Deutsch-Russische Akademie Ruhr hat wie immer ein einfaches Ziel mit dieser Begegnung angestrebt – Menschen aus Russland und Deutschland zusammenzubringen, damit sie einander kennen lernen, Freundschaften knüpfen und Vorurteile abbauen. Doch daraus ist viel mehr entstanden, zum Beispiel, professionelle Gespräche über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der schreibenden Menschen, über das Verlagswesen und die Rolle der Literatur im Bildungssystem. Und…das ist noch nicht alles: wir arbeiten gerade an einer zweisprachigen Publikation zu diesem Projekt. Solange unsere Publikation noch nicht fertig ist, können Sie aus den folgenden Berichten über die literarischen Begegnungen erfahren.

Montag: die Kennenlern-Runde und der Ausflug zur Burg Hülshoff

Tatjana Savchenko: Die Kennenlern-Runde zwischen den deutschen und russischen Literaten fand in der Auslandsgesellschaft im Rahmen eines Russischunterrichts „Lasst uns kennen lernen“ statt, den ich für die deutschen Kollegen vorbereitet habe. Unter meinen Studenten waren Thorsten Trelenberg, Poet und Kinderbuchautor, Thomas Kade, Autor aus Dortmund, Cornelia Ertmer, unsere Gastgeberin und Autorin. Bereits beim ersten Treffen haben wir viele gemeinsame Themen gefunden, die für die beiden Seiten interessant sind.

Der Besuch des Museums von der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff war für mich eine Entdeckung. Heute ist diese Burg nicht nur das Museum, sondern auch ein Zentrum für kulturelle Projekte. Nicht zufällig haben wir gerade dort das Center for Literature kennengelernt. Die Begegnung mit dem sehr energischen jungen Mann, der sofort mit der Vorstellung seiner interessanten und originellen Ideen und Projekte begann, bleibt unvergesslich. Jörg Albrecht – ist ein kreativer Mensch, ein Ideen-Mensch, ein Projekt-Mensch.

(Auszug aus dem Bericht von Tatjana Savchenko)

Nach einem langen, anstrengenden Tag haben unsere Teilnehmer noch geschafft, zu einem Autorenstammtisch im Gewerkschaftshaus Verdi zu gehen. Ohne große inhaltliche Vorbereitung konnten die russischen und deutschen Autoren tiefgehende Gespräche über die Literatur der Gegenwart oder   über den Begriff der Heimat in der Literatur führen. Dieser Austausch war für alle eine Bereicherung! Die russischen Gäste haben angemerkt, dass es in Deutschland im Gegensatz zu Russland unterschiedliche Organisationsformen für die Autoren gibt, sei es ein Verein, ein Klub oder ein Stammtisch – diese Erfahrung würden die russischen Kollegen gerne mitnehmen.

Dienstag: Besuch im Westfälischen Literaturbüro in Unna

Christiane Bogenstahl: Am Dienstag, 17.09. empfängt Heiner Remmert vom Westfälischen Literaturbüro unsere deutsch-russischen Literaten sowie unsere fleißigen Dolmetscherinnen im wunderschönen Nicolaihaus in Unna.
In einem bebilderten Vortrag erfahren wir, dass das Westfälische Literaturbüro Unna Ansprechpartner für Autorinnen und Autoren in fast allen Belangen ist. Eine Datenbank, in die AutorInnen sich und ihre Werke kostenlos aufnehmen lassen können, Infos zu Weiterbildungen, Vermittlung von Kontakten und nicht zu vergessen zahlreiche hochkarätige Dauerprojekte wie z.B. „Mord am Hellweg“ oder die „Ferienakademie“ für schreibfreudige Kinder und Jugendliche. Unsere russischen Gäste sind beeindruckt. So etwas gibt es in Russland nicht. Und sie tun noch mehr kund. Dass ein Team von nur acht Personen so viel auf die Beine stellt, ist für sie ein Vorbild. Sie wollen mehr erfahren …
Wir steigen ein in einen spannenden Dialog. Den russischen Gästen ist insbesondere die Förderung des literarischen Nachwuchs wichtig. Aber einig ist man sich auch, dass in Sachen Öffentlichkeitswahrnehmung viel mehr für Literaten und Literatur getan werden könnte. Erste Ideen für ein deutsch-russisches Literaturprojekt sprudeln. Ist das die Keimzelle einer neuen Kooperation? Für mich fühlt es sich so an. Ein gutes Gefühl!
Werden die neuen Ideen in der Zukunft umgesetzt werden? Ich hoffe es, denn Literatur baut Grenzen ab. Und in einer Zeit wie der heutigen kann es nichts Wichtigeres geben, als das Miteinander zu fördern. Die deutsch-russische Grenze haben wir in unserem kleinen Kreis bereits erfolgreich aus unseren Köpfen und Herzen verbannt. Und auch das ist ein gutes Gefühl – ein verdammt gutes sogar!

(Beitrag von Christiane Bogenstahl)

Das weitere Programmpunkt für Dienstag war der Vortrag „Welche Rolle spielt die Literatur in der deutschen und russischen Gesellschaft heute“. Die erfahrenden Literaten Heinrich Peuckmann, Volker W. Degener und Viacheslav Shulzhenko haben dem Publikum die globalen Tendenzen und regionale Besonderheiten der modernen Literatur Russlands und Deutschlands geschildert. Natalia Kashirina berichtete darüber, wie man interessant und effektiv die literarischen Werke im Deutschunterricht einsetzen kann.

Mittwoch: Begegnung mit den Schülern, Besuch im Fritz-Hüser-Institut und Lesung in der Zeche Zollern

Tatjana Savchenko: Für mich als Dozentin war es interessant, die Schüler zu begegnen, die Russisch lernen. Wir hatten den Unterricht im Freiherr-vom-Stein- Gymnasium in Lünen und in der Rudolph-Steiner-Schule in Dortmund. Was wissen die heutigen deutschen Schüler über Russland? Um diese Frage zu beantworten, habe ich eine Präsentation „Reise nach Russland“ vorbereitet. Eine virtuelle Reise in die Hauptstadt Russlands, nach Sankt Petersburg sowie in den Kaukasus, die Erzählung über die russischen Traditionen, kaukasische Gastfreundschaft haben das Interesse der Schüler geweckt;  spielerische Aufgaben haben den aktiven Dialog und einige Fragen angeregt.

Dank des Besuchs im Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt haben wir  eine große, für die Bergbauregion Ruhrgebiet typische Schicht der Arbeiterliteratur entdeckt, die sorgsam von dem Institutsgründer gesammelt und von seinen Nachfolgern aufbewahrt wurde. Die einmaligen Exemplare der Arbeiterliteratur und die seltenen Sammlungen sind nicht einfach nur Exponate des Museums, sondern stehen auch allen, die sich für dieses Thema interessieren, zur Verfügung.

Die Lesung in der Zeche Zollern  hat unvergessliche Eindrücke hinterlassen. Die warmen, freundlichen Begegnungen in einer inoffiziellen Umgebung haben uns geholfen, einander näher kennen zu lernen und haben uns in unserem Glauben befestigt, dass die Zusammenarbeit sowie die Freundschaft fester werden.

(Auszug aus dem Bericht von Tatjana Savchenko)

Donnerstag: Literatur-Haus in Herne
Daniela Gerlach: Am Donnerstag, 20.9., besuchen wir mit den russischen Gästen das Literatur-Haus Herne-Ruhr. Es ist ein sommerlich warmer Tag mit einem umfangreichen Programm für alle Beteiligten. Umfangreich auch aufgrund der Entfernungen, die zurückzulegen sind. Am Morgen waren wir noch beim Bürgermeister in Schwerte zu Gast. Dann ging es nach Dortmund zurück, anschließend nach Herne, und von hier aus werden wir der Einladung von Herrn Fritz nach Dortmund folgen. Alleine wäre das alles ziemlich anstrengend gewesen, doch gemeinsam tragen wir die „Umständlichkeiten“ mit Humor und Gesprächen, in denen sich die deutsche und englische Sprache mit der russischen vermischt. Ja, auch von deutscher Seite werden die ersten russischen Wörter und Satzteile verkauderwelscht.
Wir sitzen um einen großen Tisch in der ehemaligen Druckerei, die bei aller luxuriösen Ausstattung noch den Charme alter Industriehallen birgt. Elisabeth Röttsches hat uns zu Kaffee und Kuchen geladen und erzählt uns etwas über dieses besondere Haus mit langer Tradition. Es wurde 1926 durch Josef Röttsches erbaut und ist heute ein Zentrum kultureller Veranstaltungen, Café und Buchhandlung (seit vier Generationen inhabergeführt).
In unserem Gespräch geht es auch darum, wie man die Menschen, angefangen mit den ganz jungen, zum Lesen bringt, welche Projekte man startet, denn die Schwierigkeiten sind hier wie dort die gleichen. Ich denke, dass das ehrgeizige Programm von Frau Röttsches und ihren MitarbeiterInnen eine Inspiration für die russischen Gäste ist. Überhaupt die Idee des Literaturhauses, in dem sich Literaturinteressierte treffen, in denen Lesungen stattfinden und AutorInnen sich informieren können. Denn in Russland gäbe es mittlerweile zwar viele Foren für Literaten, erzählt Tatjana Savchenko, aber nichts in dieser Art. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch über die Situation von SchriftstellerInnen und ihrem Kampf um Aufmerksamkeit. Wladimir Shatakishvili hält einen längeren Diskurs über sein Werk. Trotz guter Besprechungen in anerkannten Literaturzeitschriften ist es schwierig, einen Verlag zu finden. Er muss sich selbst darum kümmern, seine Bücher zu vermarkten. Davon können auch unsere AutorInnen hier ein Lied singen.
Trotzdem man sich in diesem Haus offen für Experimentelles gibt, werden Vorschläge genau abgewägt, muss das Risiko einer weniger gut besuchten Veranstaltung so gering wie möglich gehalten werden. Das Literaturhaus Herne-Ruhr mit seinem wunderschönen Ambiente und seinem anspruchsvollen Programm erhält keine öffentliche Unterstützung, sondern finanziert sich durch private Förderer und Spender, sowie über Vermietung der Räumlichkeiten und natürlich über die Lesungen. Dennoch spinnen wir am gemütlichen Kaffeetisch ein bisschen weiter und regen eine deutsch-russische Lesung in diesen gediegenen Räumen an. Träumen darf man ja.
Beitrag von Daniela Gerlach
Am Donnerstag wurde unsere deutsch-russische Delegation ins Rathaus von Schwerte eingeladen. Warum Schwerte? Weil Pjatigorsk die Partnerstadt von Schwerte ist, und wir wollten über unsere bisherige Erfolge und Erfahrungen  dem Bürgermeister von Schwerte berichten. Dimitrios Axourgos ist an der weiteren Entwicklung der Städtepartnerschaft Schwerte-Pjatigorsk sehr interessiert. Wir hoffen, dass er im nächsten Jahr Pjatigorsk besuchen kommt. Unsere Projektteilnehmer haben für Ihr Engagement eine Medaille von dem Freundeskreis Schwerte-Pjatigorsk erhalten. Der Baum der Freundschaft, der auf der Medaille abgebildet ist, wird sicherlich noch wachsen und seine Früchte tragen!
(Beitrag von Daniela Gerlach)

Am letzten Tag der Begegnung hatten die deutschen und russischen Literaten noch Zeit, Dortmund zu erkundigen, ungeklärte Fragen zu klären und zusammen die weiteren Begegnungen zu planen. Zum Abschluss wurden wir zu einem Abendessen bei Claudia Hummelsheim eingeladen. Die Dortmunder Autorengruppe präsentierte das neue Buch „Glücksorte in Dortmund“, die Gastgeberin Claudia Hummelsheim las ihre Gedichte und eine kleine Erzählung vor – das war ein schöner poetischer Abend!

Liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie mehr über unsere Autoren erfahren oder sie kontaktieren möchten, besuchen Sie ihre Webseiten :)

Autorenvereinigung „LiteraturRaumDortmundRuhr“ https://www.literaturraumdortmundruhr.de/

http://claudia-hummelsheim.de/lyrik/

https://www.thorsten-trelenberg.de/

Christiane Bogenstahl: https://www.toedliche-texte.de/

http://www.anne-kathrin-koppetsch.de/

https://danielagerlach.de/

https://patriciamalcher.wordpress.com/

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>