Wie gefährlich ist der Russe?

Gedanken nach meiner Russland-Reise

Die politischen Ereignisse der letzten Jahre und festgefahrene Vorurteile machen es heute schwierig sich einer solchen Frage zu stellen. Viele Missverständnisse und einseitige, distanzierte Betrachtung führen zu einem verzerrten Bild dieser Nation bei den Europäern. Wobei ich mich schon am Anfang korrigieren muss. Denn Russland ist, wie viele außer Acht lassen, ein Vielvölkerstaat, der vielen slawischen, orientalischen, kaukasischen Ethnien, sowie indigenen Völkern Sibiriens und vielen anderen als Heimat dient. Natürlich bilden die ethnischen Russen den größten Anteil der Bevölkerung, doch die Erwähnung der anderen Russländer, wie die Menschen in Russland ungeachtet ihrer Ethnie genannt werden, ist sehr wichtig. Auf Grund der Größe des Landes und seiner turbulenten Geschichte musste man lernen miteinander zu leben, unterschiedliche Kulturen zu respektieren und so kam es natürlich zu vielen Vermischungen innerhalb der bunten Bevölkerung. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden trotzdem von „den Russen“ sprechen.

Ich selbst wurde lange von den unterschiedlichsten Vorurteilen zu diesem Land und seiner Bevölkerung geplagt. Man hört, dass Russen sich im Urlaub schlecht benehmen. Sie wirken aggressiv auf manche von uns. Es wird häufig behauptet, dass in Russland Menschenrechte missachtet werden und sie keine Toleranz kennen. Zuletzt war die Rede von imperialen Ambitionen, die einigen unter uns Angst machen. Und natürlich assoziieren die meisten eines mit dem Land, Wodka. Nicht zuletzt sagen aber auch viele, dass die Russen gastfreundlich, großherzig und gutmütig sind.

Um den Versuch zu unternehmen zumindest einige Vorurteile auszuräumen, habe ich beschlossen eigene Erfahrungen zu sammeln und drei Städte dieses geheimnisvollen Landes zu besuchen, um ein von regionalen Eigenheiten möglichst wenig verzehrtes Bild zu bekommen. Dabei habe ich mit Menschen gesprochen und habe meine Beobachtungen in einen sozialen, politischen und historischen Kontext gebracht.

Was mich zuerst absolut überrascht hat und den ersten Stereotyp zerstört, ist dass die Menschen im öffentlichen Leben untereinander unheimlich freundlich und hilfsbereit sind. Ich sage damit nicht, dass beispielsweise Deutsche unfreundlich sind, aber so einen Umgang fremder Menschen untereinander habe ich nach all den Russengeschichten und dem Alltag in Deutschland einfach nicht erwartet.

Ich hörte vor meiner Reise viel davon, dass ich besonders aufpassen muss, denn dieses Land ist oft unberechenbar und man könne schnell in Schwierigkeiten geraten. Mit besonderer Vorsicht bewegte ich mich durch die Straßen und war stets Aufmerksam, was ja grundsätzlich nicht verkehrt ist, aber ein mulmiges Gefühl in etwas unbekanntes geraten zu sein und nicht genau zu wissen, was einen erwarten kann war zunächst unangenehm.

Glücklicherweise hatte ich eine bezaubernde ortskundige Begleitung. Ihr ist mein anfängliches Unbehagen auch aufgefallen. Doch es löste sich ziemlich schnell, während ich auf meiner Reise gewissermaßen mit der russischen Bevölkerung verschmolz. Wobei eines muss ich bestätigen. Der Verkehr in russischen Großstädten ist, wenn auch nicht chaotisch, aber wesentlich dynamischer und turbulenter, als ich es gewohnt bin. Man schaut lieber zweimal hin, besonders gefährlich ist es dennoch nicht.

Meine Begleiterin war für meine Untersuchung insofern ein wahrer Glücksfall, da es eine gebildete junge Frau war mit einem ebenso akademischen Freundeskreis, den ich auch teilweise kennenlernen durfte. Zudem ist sie sehr traditionsbewusst, wie viele Russen, gemäßigt gläubig und eine Patriotin. Was Sie aber noch besonders interessant macht, ist dass sie Halb-Georgierin ist. Wegen der schwierigen politischen Situation zwischen Russland und Georgien war ich sehr auf ihre Argumentation im Bezug auf ihre Beziehung zu Russland gespannt.

Um ein gewisses Verständnis für das Handeln der russischen Regierung zu entwickeln und Dinge, die wir häufig kritisieren aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, ist es wichtig sich ein wenig mit der Kultur und Mentalität vertraut zu machen.

Das russische Traditionsbewusstsein ist ein zentraler Punkt in der Charakteristik der Nation. Dieses ruht auf christlich-orthodoxen Werten. Dabei geht es nicht darum, streng religiös die Bräuche zu befolgen, sondern eher um den Umgang miteinander und den Respekt gegenüber seinen Mitmenschen, wie es die Bibel vornehmlich im neuen Testament mit den Lehren Christi vorgibt. Andere Religionen werden dort aber auch gleichwertig ausgelebt.

Durch die sowjetische Vergangenheit wurde die Religiosität systembedingt getilgt, doch sie lebte hinter verschlossenen Türen in der Bevölkerung weiter. Nach dem Ende der Sowjetära erlebte aber der russisch-orthodoxe Glaube eine Renaissance und wird mit den sozialen Aspekten der vergangenen Ideologie offen gelebt.

Werte wie eine traditionelle Familie sind den Russen besonders wichtig, nicht zuletzt wegen der schwierigen demografischen Lage. Insbesondere die russischen Frauen legen Wert auf eine intakte Familie. Leider sieht es in der Praxis oft wesentlich schlechter aus. Die Zahl der alleinerziehenden Frauen ist in Russland sehr hoch. Offenbar mangelt es vielen Männern an Verantwortungsbewusstsein. Die Ursache dafür könnte die ungleiche Verteilung von Männern und Frauen sein, die zum Nachteil der weiblichen Bevölkerung ausfällt und manche Männer vielleicht mit der Vielzahl an Möglichkeiten nicht zurechtkommen. Doch das ist nur meine persönliche Vermutung.

Es wird viel mehr ein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht, was ein zentraler Punkt der Anschauung ist. Frauen sind selbstverständlich vor dem Recht genauso gleichgestellt, wie Männer und haben die gleichen Möglichkeiten in Bildung und Beruf. Doch dieses Unterscheiden geschieht auf zwischenmenschlicher Ebene, was in Europa immer mehr zurückgeht. Eine russische Frau ist sehr erfreut über banale Hilfen im Alltag, wie das Tragen einer Tasche oder das abendliche Begleiten bis vor die Haustür und erwartet dies auch häufig. Während in Deutschland manch eine Frau das als Aberkennung ihrer Selbstständigkeit bewerten würde, ist das in Russland selbstverständlich. Es wird einfach kein Versuch unternommen gleich zu sein. Männer und Frauen haben gewisse geschlechtsspezifische Domänen und diese werden gelebt und geschätzt. Sich der Weiblichkeit bewusst zu sein, ist für eine Russin kein Zeichen von Schwäche, sondern ihre Natur, die sie anerkennt und gewisse daraus entstehenden Vorzüge genießt. Während die Männer in gewissen Situationen das Gefühl genießen können gebraucht und geschätzt zu werden, auf diese traditionelle Art.

Von den Männern wird allgemein erwartet wehrfähig zu sein. Dazu zählt es die Dame, die er begleitet beschützen zu können, sowie seine Familie und Heimat. Das folgt unter anderem aus der schwierigen Geschichte des Landes, das häufig massiven Angriffen von außerhalb ausgesetzt worden ist. Das erklärt den Drang Russlands eine funktionierende Verteidigung seiner Grenzen zu gewährleisten. Was uns manchmal als Militarismus erscheint, ist nur die Lehre aus der eigenen Geschichte und gilt nicht als Bedrohung für irgendwen, denn Russland führte so gut wie nie Eroberungskriege, im Gegensatz zu vielen westlichen Staaten.

Der russische Patriotismus spielt eine wichtige Rolle für das Verständnis des Volkes und ist keineswegs mit irgendeiner Form von Nationalismus zu verwechseln. Es geht nicht darum sich als ausschließliche oder beste Nation auszuzeichnen und auf andere herabzublicken. Vielmehr ist der Russe stolz auf die Errungenschaften seiner Landsleute und zollt ihnen Respekt. Es gilt, „kenne die Geschichte deines Landes, um es zu lieben“. Daher wird sehr viel Mühe darauf verwendet Andenken zu bewahren und Traditionen zu pflegen. In dem Land gibt es so viele Denkmäler zu Ehren von Wissenschaftlern, Schriftstellern, Dichtern oder Politikern, wie ich sonst nirgendwo gesehen habe.

Ich erinnere mich sehr gut daran, dass viele in diesem Jahr kein Verständnis dafür aufbringen konnten, dass in Moskau eine große Siegesparade zu Ehren des Sieges gegen Nazideutschland stattfand. Viele brachten das fälschlicherweise mit der politischen Situation bezüglich Krim und Ukraine in Zusammenhang. Dabei ist es eine jährliche Tradition und in diesem Jahr war es das 70. Jubiläum. Die Sowjetunion trug die Hauptlast des Krieges mit erschütternden Verlusten von etwa 27 Mio. Menschen. Man sagt auch, „jede Familie hat ihren Helden“, denn tatsächlich hat fast jede russische Familie jemanden in diesem schrecklichen Krieg verloren. Der Heldentaten, dieser Menschen nicht zu Gedenken und nicht zu mahnen, so etwas nicht nochmal geschehen zu lassen, wäre schlichtweg eine Beleidigung.

Es ist aber auch einfach die Liebe zum Land, unabhängig von Staat und Regierung. Nicht umsonst, sagt man „Mütterchen Russland“. Es ist die Erde, der Boden mit all seinen Schätzen und Schönheiten, der alle ernährt und dafür geschätzt wird.

Zuletzt möchte ich auf das Verhältnis der Russen zu ihrem Präsidenten eingehen. Egal, was man von Putin halten mag, die überwältigende Mehrheit des Volkes unterstützt ihren Regierungschef. Angesichts der katastrophalen Phase der neunziger Jahre muss man einfach anerkennen, dass seit Putins erster Amtszeit Russland sich gewaltig entwickelt hat. Auch die Ambitionen nach geopolitischen Einfluss will sich das flächenmäßig größte Land der Erde nicht mehr nehmen lassen, nachdem es lange Zeit nicht ernst genommen wurde. Wobei ich hier betonen möchte, dass Putin sich regelmäßig für eine Multipolare Welt ausspricht. Es soll kein geopolitisches Zentrum, wie zuletzt die USA mehr geben, sondern eine Welt mit mehreren gleichwertigen Einflussnehmern.

Doch zurück zum Verhältnis des Volkes zum Präsidenten. Oft wird er ja als der Zar bezeichnet. Gewissermaßen ist es auch so. Eine autoritäre, volksnahe Person, der man sein Vertrauen schenkt und an die man sich bei Missständen wendet ist auch in der russischen Geschichte verankert. Dieses Verhältnis zu Herrschern wird, zumindest in Ansätzen weiter so gelebt. Wobei es bemängelt wird, dass Putin zu wenig für die Innenpolitik tut. Und wenn „Väterchen Zar“ es nicht tut, wer dann?

Fazit:

Eine traditionelle, man könnte sagen, konservative Einstellung der Russen zur Familie und der Beziehung zwischen Mann und Frau ist eine auf christlichen Werten basierende Symbiose der Geschlechter, die nicht das Ziel haben eigenständig zu sein, sondern am besten gemeinsam funktionieren.

Der russische Patriotismus und der Wunsch nach Sicherheit ist eine Folge der Historie des Landes. Um das Land und Volk besser zu verstehen, sollte man sich mit seiner Geschichte befassen.

Während wir ständig von Toleranz sprechen und andere, die unserer Meinung nach nicht tolerant genug sind ermahnen, vergessen wir es offenbar, dass man es tolerieren sollte, dass die Russen eine Kultur haben, die sich etwas von unserer unterscheidet. Wobei mehr als nur Toleranz wünschenswert wäre.

Es liegt nicht in unserem Ermessen einem ganzen Volk vorzuschreiben, wie es sich zu verhalten hat, um glücklich zu sein.

Mit etwas mehr gegenseitigem Verständnis und Bereitschaft zum Dialog, finde ich wäre es einfacher miteinander Probleme zu lösen und die Welt zu gestalten. Immer mit dem nötigen Respekt vor der Kultur des Partners.

Autor: Andrej Bolgert


Wie immer stellt die Deutsch-Russische Akademie Ruhr den Freunden und Autoren der DRA diese Leitfragen. Hier ist ein kurzes Interview mit Andrej Bolgert

  • Was verbinden Sie persönlich mit Deutschland/Russland?
  • Da ich sowohl deutsche als auch russische Wurzeln habe, bin ich mit beiden Kulturen vertraut und versuche daher das Beste von beidem zu verinnerlichen. In der Sowjetunion geboren, in Kasachstan die Kindheit verbracht, in Deutschland – die Jugend. In der Russischen Föderation bin ich bisher nur zweimal gewesen.
  • Was glauben Sie, worin liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschen und Russen?
  • Die Gemeinsamkeiten liegen meiner Ansicht nach in der reichhaltigen Kultur und Geschichte beider Völker, die sich sehr häufig überschnitt, leider nicht immer friedlich. Doch gemeinsame positive Erfahrungen gibt es nicht zu wenig. Die Unterschiede sehe ich in der geistigen Haltung. Während Deutsche meist sehr rational und berechnend sind, vertrauen Russen häufig der Intuition.
  • Welche Werte haben Sie geprägt?
  • Ich schätze sehr die deutsche Pünktlichkeit, akkurates Vorgehen und Fleiß. Aber auch die Großmütigkeit und Warmherzigkeit der „russischen Seele“.
  • Was schätzen Sie an Deutschland/Russland?
  • Da ich die Wirren der 90er Jahre im postsowjetischen Raum miterlebte, schätze ich die Ordnung in Deutschland.
  • Wie sehen Sie das Verhältnis von Deutschen und Russen in 5/10 Jahren?
  • Ich wünschte, es würde sich bessern. Doch die aktuellen Entwicklungen erwecken nicht allzu viel Hoffnung. Natürlich wird es immer viele gute persönliche Kontakte geben, doch auf Staatlicher Ebene… einfach mal abwarten. Zum Glück gibt es Menschen, die sich für die Verbesserung der Beziehungen einsetzen.
  • Ihre persönlichen Begegnungen mit Deutschen/Russen?
  • sind allgegenwärtig.
  • Welchen Autor/Filmemacher/Maler/bildenden Künstler aus dem anderen Land kennen Sie und warum gefällt er/sie Ihnen (nicht)?
  • Tschaikowski, Rachmaninoff. Klassik ist unsterblich.

 

Про Германию, Россию и…Сербию – интервью с Алексадаром Тосичем

Что ты связываешь с Россией, а что с Германией?

Начну с Германии. С Германией я прежде всего связываю технику, прогресс, высокие экономические достижения и белую баварскую колбасу. Сюда же относятся бесчисленные писатели, конечно же, немецкие железные дороги, а также пиво. Что же касается моих сверстников, то я могу сказать, что для молодежи в Германии типичен американизм. Люди придерживаются американского образа жизни даже в большей степени, чем они думают. Мы просто не задумываемся над этим.

Как ты думаешь, американизация усилилась в последние пару десятилетий?

Я родился в 1991 г. в Западной Германии. И тогда уже американизация присутствовала в нашей жизни. Когдя я сейчас по прошествии лет думаю об этом, то да, пожалуй, можно сказать, что американский стиль жизни усиливает свое влияние.

А что ты связываешь с Россией?

Возможно, Вы мне не поверите, но в первую очередь с Россией я связываю богатое природное многообразие. Не стоит рассматривать Россию всегда через призму стереотипов. Россия – огромная страна. Я посетил многие регионы в России, например, озеро Байкал. И я увидел, что Россия таит в себе огромное биологическое разнообразие. Мне вспоминаются сибирские ландшафты, березовые рощи, озеро Байкал, прекрасные горные ландшафты, долины, реки. Кроме того лакомства: пельмени, пряники. Так же, как и в отношении Германии – русские писатели. Есть еще один аспект – олигархи в России. Не то что бы олигархов нет нигде больше, но я думаю, для России это особенно характерно. Их чаще всего можно встретить в сферах добычи нефти и газа. Огромная разница в доходах между богатыми и бедными в России очень заметна. В России нет еще многочисленного среднего класса. Я думаю, он сегодня формируется, но этот процесс протекает не так легко.

А если говорить о людях, то в чем заключаются различия между немцами и русскими?

Я сам не на сто процентов немец. У меня сербские корни, мои родители сербы. Но я вырос в Германии. Когдя я нахожусь в Сербии , в новой культурной обстановке, я замечаю за собой, что у меня есть некоторые немецкие черты, которых у сербов нет.  Здесь в Германии повседневная жизнь имеет четкую структуру. Всё идет по плану. Люди планируют отпуск за полгода, в Сербии этого бы никто не стал делать. Структура, планомерность, пунктуальность, бюрократия – все должно быть в порядке. Каждый шаг твоей жизни должен быть задокументирован. Но это лишь одна сторона медали. С другой стороны, несмотря на всю их серьезнось немцы – жизнерадостные люди.

Что характерно для русских? Открытость прежде всего. Чрезвычайная гостеприимность. В Германии профессиональная сфера жизни и приватная четко отделены друг от друга. В России у меня было такое чувство, что одна сфера жизни проистекает из другой, они взаимосвязаны, поэтому у людей совсем другое отношение к жизни в целом. В Германии на работе я позиционирую себя иначе, чем в моей частной жизни. В таких странах как Россия существует определенная взаимозависимость. Какими я узнал людей в России в их профессиональной сфере, такие же они и вне работы – тут ты видишь некий континуум.

Как ты можешь описать твое общение с людьми из России?

Они интересуются всем, что ты делаешь. Они все выслушивают и спрашивают, что их интересует. В Германии люди размышляют, как лучше построить разговор, что сперва спросить, а что лучше вообще не спрашивать. В Германии очень важно, чтобы собеседник сохранил свое лицо. Здесь бы меня профессор никогда не спросил то, что касается моей личной жизни. В России это встречается на каждом шагу. Люди пытаются сразу построить более доверительные личные отношения. В Германии для этого нужно пройти через многие этапы.

Ты уже упомянул о писателях…Кто из русских писателей тебе нравится?

Я часто соприкасался с творчеством Чехова. Я прочитал короткие рассказы, к тому же на русском, это часть моей учебы. У Чехова мне особенно понравилось его критическое описание общества. Ну и конечно, как личность Чехов чрезвычайно интересен. Нужно себе представить: он не был по профессии писателем, он был врачом. Это был человек с таким широким кругозором, сегодня не так просто встретить таких людей.

Какие ценности на тебя повлияли?

Нельзя сказать, что у меня есть А сербская сторона и Б немецкая. Это как котел, в котором смешаны разные ингридиенты. Нельзя представить себе это так, что когдя я в Сербии, я надеваю «сербскую» маску, а когда в Германии то «немецкую» – это просто невозможно. В процессе общения немцы чувствуют, что я не совсем немец, и сербы тоже чувствуют, что я не совсем серб. Что касается немецкой части меня, то здесь большую роль играют такие ценности как демократия, свобода личности. Свобода личности во многих ее проявлениях, будь то свобода самовыражения или право на неприкосновенность. Я не могу себе представить отказаться от своих свобод. Это не означает, что в Сербии нет демократических свобод. Но есть некоторые отличия, например, в сфере свободы самовыражения. Что касается сербских ценностей, то здесь важна тесная связь с семьей. Люди мыслять еще коллективно. Многие шаги, которые ты предпринимаешь, ты совершаешь не только из своих личных интересов. Бывают ситуации, когда меньше думаешь о себе, а больше о своей семье. Конечно, и во мне присутствует это коллективное сознание. Вот вам простой пример: в Германии это нетипично в моем возрасте жить в доме родителей, в то время как я еще живу с родителями. В Сербии это считается нормальным, что молодые люди достаточно долго остаются в родительском доме. Это не означает, что ты еще не созрел, это означает ответственность за свою семью. Говорят, что когда ты покидаешь родительский дом, то ты берешь ответственность за себя, но точно так же ты несешь ответственность за семью, когда ты живешь дома и получаешь другие обязанности как взрослый человек. Многие люди по-прежнему думают, что если ты живешь дома у родителей, то тогда ты находишься в подчиненном положении. В сербской семье все равноправны и равноценны. Каждый является неотъемлемой частью, без которой существование семьи невозможно.

От себя хочется еще добавить, что люди, имеющие происхождение из другиз стран, обладают большим преимуществом. Ведь можно взять самое лучшее из культуры твоей родины или родины твоих родителей и самое лучшее из культуры той страны, где ты сейчас живешь. И перемешать лучшие ингридиенты! Надо использовать это преимущество!

Aleksamdar Tosic studiert europäische Kultur und Geschichte an der Ruhr-Universität bochum

Aleksandar Tosic studiert europäische Kultur und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum

 

Über Russland, Deutschland…und Serbien – ein spannendes Gespräch mit Aleksandar Tosic

Was verbindest du persönlich mit Russland und mit Deutschland?

Ich fange mit Deutschland an. Mit Deutschland verbinde ich zunächst Technik, Fortschritt, eine hohe wirtschaftliche Leistung. Dazu gehören auch unzählige Schriftsteller. Aber natürlich auch die bayerische Weißwurst, die Deutsche Bahn und Bier. Was Gleichaltrige angeht, so ist für Deutschland ein gewisser Amerikanismus typisch. Man lebt amerikanischen Lifestyle viel mehr als man denkt. Es ist einfach drin, ohne dass man das begreift.

Was denkst du, ist Amerikanismus in den letzten paar Jahrzehnten präsenter geworden?

Ich bin 1991 in Westdeutschland geboren. Damals war der Amerikanismus schon da. Wenn ich jetzt im Nachhinein reflektiere, dann sehe ich, dass der amerikanische Lebensstil zunimmt.

Was verbindest du mit Russland?

Das mag man mir vielleicht nicht glauben, aber an erster Stelle verbinde ich mit Russland eine natürliche ökologische Vielfalt. Man muss Russland nicht nur immer aus einer stereotypisierten Perspektive betrachten. Russland ist ein riesiges Land. Dadurch, dass ich einige Bereiche in Russland besucht habe, wie z.B. den Baikalsee, habe ich gesehen, dass Russland  eine große natürliche biologische Vielfalt einschließt. Ich denke dabei an sibirische Landschaften, Birkenwälder, den Baikalsee, schöne Gebirgslandschaften, Täler, Flüsse etc. Des Weiteren noch typische Leckereien: Pelmeni, Prjaniki usw. Wie auch in Bezug auf Deutschland, spielen Schriftsteller eine wesentliche Rolle. Da gibt es noch einen Punkt – Oligarchen in Russland. Nicht, dass es Oligarchen sonst nirgendwo gäbe, aber ich meine, für Russland ist es besonders typisch. Sie sind vor allem im Bereich der Öl- und Gasindustrie zu präsent. Eine Riesenspalte, eine weitgehende Schere zwischen Arm und Reich ist in Russland ganz klar zu sehen. Man hat noch keine große Mittelschicht. Ich glaube eine Mittelschicht etabliert sich mittlerweile, aber sie hat es auch nicht einfach.

Wenn wir jetzt über Menschen sprechen, worin liegen Unterschiede zwischen Deutschen und Russen?

Ich bin selbst nicht ganz deutsch. Ich hab einen serbischen Background; meine Eltern sind Serben, ich bin aber in Deutschland aufgewachsen. Wenn ich mein Verhalten reflektiere, vor allem wenn ich in Serbien bin, in einem anderen kulturellen Umfeld, merke ich, dass ich viele deutsche Züge habe, die die Serben wiederum nicht haben. Menschen strukturieren hier in Deutschland ihren Alltag sehr klar. Es läuft alles planmäßig. Man plant den Urlaub ein halbes Jahr voraus, aber in Serbien würde das keiner machen. Struktur, Planmäßigkeit, Pünktlichkeit, Bürokratie – alles muss seine Ordnung haben. Jeder Lebensschritt muss dokumentiert werden. Das ist die eine Seite. Andererseits sind Deutsche trotz ihrer „Ernsthaftigkeit“ sehr lebensfroh.

Was für Russen typisch ist? Offenheit auf jeden Fall. Extreme Gastfreudigkeit. In Deutschland sind privates und berufliches sehr voneinander getrennt. In Russland habe ich das Gefühl, dass verschiedene Sphären des Alltags ineinanderfließen, dass die Menschen ganz anders eingestellt sind zum gesamten Leben. In Deutschland würde ich mich im privaten Leben anders präsentieren als auf der Arbeit. In Ländern wie Russland hat man einen gewissen Fluss. Wie ich die Menschen in Russland im beruflichen oder akademischen Alltag kennengelernt habe, so sind sie auch privat – da merkt man ein Kontinuum.

Wie kannst du deine Begegnungen mit Russen beschreiben?

Sie sind an allem interessiert, was du machst. Sie würden sich alles anhören und alles fragen was sie interessiert. In Deutschland würde man überlegen, wie strukturiere ich das Gespräch, was frage ich zuerst, was frage ich lieber nicht. In Deutschland achtet man sehr darauf, dass man das Gesicht des anderen wahrt. Mich würde hier ein Professor niemals über Dinge fragen, die zu sehr ins Private gehen. In Russland war das gang und gäbe. Man baut sofort einen persönlichen Bezug zueinander. Hier in Deutschland muss das über mehrere Etappen verlaufen.

Du hast bereits Schriftsteller erwähnt…Welche russischen Schriftsteller gefallen dir?

Ich habe mich häufig mit Tschechow befasst. Ich habe einige seiner Kurzgeschichten gelesen, dann auch auf Russisch, das gehört zu meinem Lernprozess. Was mir sehr gefallen hat, ist seine kritische Darstellung der Gesellschaft. Tschechow als Person finde ich ohnehin total interessant. Man muss sich vorstellen: er war beruflich kein Schriftsteller, sondern er war Arzt. Das war ein Mensch, der so eine Art Rund um- Bildung hatte, wie man es heute nicht so einfach findet.

Welche Werte haben dich geprägt?

Ich kann nicht sagen, dass ich a) eine serbische Seite habe und b) eine deutsche. Ich bin eher wie ein Topf, in dem verschiedene Zutaten drin sind. Es ist nicht so, dass wenn ich mit Serben bin, ich eine serbische Maske aufziehe, und wenn ich mit Deutschen bin, dann eine deutsche – das funktioniert einfach nicht. Deutsche spüren, dass ich nicht 100% deutsch bin, wiederum spüren Serben, dass ich nicht 100% serbisch bin. Was den deutschen Anteil in meinem Selbst angeht, spielen vor allem Demokratie und persönliche Freiheiten eine große Rolle. Persönliche Freiheiten in jeglicher Form, sei es Meinungsfreiheit oder Recht auf Unversehrtheit. Ich könnte mir nicht vorstellen auf meine Freiheiten zu verzichten. Das heißt nicht, dass es in Serbien keine Freiheiten gibt. Es gibt aber Unterschiede, z.B. im Bereich Meinungsfreiheit. Was serbische Werte angeht, so habe ich einen starken Bezug zu meiner Familie. Man denkt noch sehr familiär und kollektiv. Viele Schritte, die du tust, tust du nicht unbedingt aus deinem individuellen Interesse heraus. Du überlegst, inwiefern Taten etwas deiner Familie bringen, welche Konsequenzen sie haben. Es gibt Situationen, in denen man viel weniger an sich denkt, sondern viel mehr an eigene Familie. Da ist noch ein enormes Kollektivbewusstsein in mir drin. Ein ganz einfaches Beispiel: es ist für Deutschland untypisch, dass man in meinem Alter noch bei den Eltern lebt. In Serbien ist das alerdings ganz normal, dass man in einem relativ hohen Alter noch zu Hause lebt. Das hat damit nichts zu tun dass man nicht reif ist, sondern eher mit einem Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Familie. Man sagt, wenn man auszieht, dann übernimmt man erst Verantwortung. Aber man übernimmt ebenfalls Verantwortung, wenn man zu Hause bleibt und mit diversen Aufgaben konfrontiert wird. In vielen Menschen ist noch dieses Denken da: solange man zu Hause wohnt, sind die Eltern ober- und du bist quasi untergeordnet. Man muss sich davon lösen. In einer serbischen Familie ist jeder auf derselben Hierarchieebene. Jeder ist ein wichtiger Teil, ohne welches vieles nicht funktioniert.

 Am Ende unseres Gesprächs dachte ich mir: es ist ein großer Vorteil für Menschen mit einem Migrationshintergrund oder einer Migrationsgeschichte in der Familie. Man kann das Beste aus seinem Heimatland oder dem Heimatland seiner Eltern nehmen und aus dem Land wo man wohnt und dann die besten Zutaten in einem Topf vermischen. Diesen Vorteil muss man nutzen!

Interview mit Aleksandar Tosic hat Maria Khavanova durchgeführt.

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Diplomatie von unten ist eine tragende Säule unserer Beziehung – Interview mit Franz Thönnes

Möglichst viele direkte Kontakte schaffen!

Liebe Leserinen und Leser,

heute veröffentlichen wir einen neuen Beitrag zum Thema „Städtepartnerschaften“. Deutsch-Russische Akademie Ruhr hat ein ganz spannendes Gespräch mit Gerald Baars, dem Leiter des WDR-Studios in Dortmund. Er hat uns über deutsch-sowjetische Fernsehbrücke erzählt, die damals einen großen Erfolg hatte.

Wie ist die Idee mit der deutsch-sowjetischen Brücke entstanden?
Es war die Zeit, als Gorbatschow Glasnost und Perestrojka gepredigt hat, und der Wandel in der damaligen Sowjetunion einsetzte. Als lokales Fernsehen haben wir uns damals gedacht: Wir haben Rostow am Don als Partnerstadt in der Sowjetunion. Wollen wir mal „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestrojka“ (Umbau) auf den Prüfstein stellen und gucken, ob es wirklich funktioniert? Wir haben eine Live-Fernsehbrücke zwischen Schülern in Dortmund und Schülern aus Rostow am Don beantragt. Die Idee war, dass die Schüler live und unzensiert über die Themen, die sie interessieren, reden dürfen.
Welche Themen waren das?
Die Themen konnten junge Leute selbst bestimmen. Das wäre ein Fehler, das Thema vorzugeben. Dann hätten wir vorbereitete Antworten bekommen können. Wir haben es verweigert der Zensurbehörde, die es damals in Moskau noch gab, vorbereitete Themen und Fragen einzureichen. Wir wollten einen Rahmen für einen ungefilterten Dialog schaffen, in dem die Schüler sich gegenseitig befragen konnten. Wir haben es auch von unserer Seite ernst genommen. Wir haben zwar Dortmunder Schüler vorbereitet, mit der Partnerstadt vertraut gemacht und gesagt, was für Themen in Rostow relevant sind. Schüler aus Rostow haben auch etwas über Dortmund erfahren. (Wir waren damals im großen Umbruch mit der Stahlkrise; Zechen wurden geschlossen). Das sollte man wechselseitig schon wissen. Ansonsten haben wir alles offen gelassen.
Dann haben wir diese Livebrücke genehmigt bekommen. Die Anträge in Moskau wurden nach dem Eingang der Briefe bearbeitet. Die ARD hatte auch einen Antrag gestellt, aber vier Wochen später. So ist es passiert, dass wir als lokales Fernsehen die erste Fernsehbrücke live mit der Sowjetunion hatten. Die Fernsehbrücke ist sehr gut gelaufen. Dafür haben wir den Grimme-Preis bekommen, die höchste Fernsehauszeichnung, die es überhaupt gibt, und zwar als Publikumsvorschlag, was wir besonders zu schätzen wussten.
Und dann fing diese Sendung an. Das war zu der Zeit technisch gar nicht einfach. Damals gab es noch keine Satelliten, sondern es mussten die Leitungen gestrickt werden von Rostow über einen Knoten nach Moskau, von Moskau über einen Knoten nach Dortmund. Es gab dazwischen so viele Stationen, dass wir uns am Anfang zwar sahen, aber noch keinen Ton hatten. Wir konnten uns gegenseitig nicht hören. Darauf haben die Dortmunder Schüler ganz schnell reagiert: sie haben auf Zetteln Grüße aufgeschrieben und hochgehalten. Dann kam die Antwort aus Rostow, auch auf Zetteln. In zwei Minuten haben wir den Ton dann bekommen. Aber diese ersten Zwei Minuten waren ein guter Einstieg, so wurde das Eis gebrochen. In dieser Panne lag der Charme. Und danach lief das Gespräch locker. Natürlich kamen solche Fragen wie „Was ist eure Lieblingsmusik?“, „Was macht ihr in der Freizeit?“. Auf die Frage „Was wünscht ihr euch?“ haben die Schüler aus Rostow geantwortet: „Wir würden gerne nach Dortmund kommen!“ Schüler haben auch ihre Lieblingsmusik mitgebracht. Die Dortmunder ihre Lokalband „Conditors“, die im Studio gespielt hat. In Rostow sprangen alle auf und tanzten dazu. Das war großartig! Diese Sendung war sehr berührend. Wir bekamen dafür den Grimme-Preis. Aber ich habe diesen Titel nicht verdient, den haben die jungen Leute verdient, wir haben nur den Rahmen geschaffen. Die Schüler waren sehr neugierig und aufgeschlossen. Es wurden keine aktuellen politischen Themen diskutiert. Die Jugendlichen wollten sich einfach über ihr Leben austauschen.
Wir haben später noch eine Fernsehbrücke gemacht, weil sie so erfolgreich war. Die Fernsehbrücke „Arbeiter im Gespräch“ wurde zwischen den Arbeiter von Hoesch und den Stahlarbeiter aus Rostow organisiert. Die Folge: die Dortmunder Betriebsräte haben Gorbatschow nach Dortmund eingeladen. Und er kam tatsächlich. Umgekehrt haben die Betriebsräte aus Rostow den Dortmunder Betriebsrat nach Rostow eingeladen. Einer der Betriebsräte ist dann mit dem Wohnwagen nach Rostow gefahren, was damals eigentlich noch gar nicht möglich war, weil für Touristen nur organisierte Reisen erlaubt waren. Aber er konnte sich frei in der Sowjetunion mit seinem Wohnwagen bewegen. Na ja, als er an die sowjetische Grenze kam, wussten die Grenzpolizisten über ihn Bescheid. Natürlich wurde der Wagen überall beschattet. Der Betriebsrat und seine Frau haben sich noch nie so sicher gefühlt, weil sie wussten, dass jemand auf sie immer aufpasst. Ihnen konnte nichts passieren. Aus diesen Fernsehbrücken und aus diesen Treffen ist ein intensiver Austausch entstanden.
Das hat mir gezeigt, dass man gerade auch im Kleinen dazu beitragen kann, Eis zu brechen und Vorurteile abzubauen. Egal in welcher Ideologie Menschen aufgewachsen sind, haben sie die gleichen Themen, die sie berühren. Damals haben wir ein kleines bisschen dazu beigetragen, die Öffnung des Eisernen Vorhangs zu ermöglichen. Bei uns wurde die Sendung lokal ausgestrahlt und in der Sowjetunion landesweit. Das ist ein Beispiel dafür, dass die Sowjetunion offen sein wollte. Das hat den Menschen in der Sowjetunion gezeigt, wie frei die Gesellschaft geworden ist, dass so etwas möglich ist.
Gibt es seitens WDR neue Ideen für Partnerschaft und Zusammenarbeit mit Russland?
Man muss immer schauen, was für ein Thema im Moment relevant ist und versuchen, innovativ und kreativ etwas auszuprobieren. Im Moment sehe ich es schwierig, eine Form dafür zu finden, um das zu erreichen, was wir damals erreicht haben. Offiziell ist Russland jetzt ein freies, demokratisches Land. Wir können jeder Zeit aus Russland berichten. Wir können jeden Menschen auf der Straße befragen. Das wäre jetzt kein Eisbrecher mehr. Sollen wir jetzt Menschen in Russland fragen, was sie von Putin halten, und die Russen uns fragen, was wir von Merkel halten? Das ist keine Ebene für ein emotionales Gespräch. Ich wüsste auch nicht, wie ich von hier aus die Medienlandschaft in Russland beeinflussen kann. Da die Medienlandschaft in Russland von Propaganda geprägt ist, können nur die Russen selbst sagen: „Wir wollen keine Propaganda mehr!“ Medial kann ich keinen Dialog mehr anstoßen. Das Einzige was man machen kann, so viele Menschen wie möglich in das Gespräch einzubeziehen. Es wäre hilfreich, wenn die Russen, wenn sie mal in Urlaub fahren, nicht nur einkaufen oder an den Strand gehen, nicht nur an der Bar sitzen, sondern ein Gespräch suchen, um zu prüfen, ob es alles wirklich so ist, wie es in den Medien berichtet wird. Wenn umgekehrt mehr Menschen nach Russland reisen und sich nicht nur Sehenswürdigkeiten in Sankt-Petersburg anschauen, sondern versuchen dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, wäre das auch gut.
Ich würde Sie ermutigen, im Rahmen Ihres Projekts das Treffen von einer Klasse aus Deutschland und einer aus Russland zu initiieren und z.B. ein Sommercamp zu organisieren. Dort sollen die Jugendlichen gar nicht über Politik reden, sondern sich einfach kennenlernen. So werden Vorurteile am schnellsten abgebaut und Vertrauen aufgebaut.
Warum wurde die Fernsehbrücke genau mit Rostow am Don initiiert?
Rostow am Don ist die Partnerstadt von Dortmund. Das war einer der Gründe, warum wir die Genehmigung bekommen haben. Weil Partnerstädte mit einander kommunizieren müssen. Wir hatten auch eine ähnliche Fernsehbrücke mit Buffalo in den USA, auch einer Partnerstadt von Dortmund. Sie war aber viel langweiliger. Unsere Jugendlichen wussten schon ganz viel von Amerika, die Amerikaner waren nicht so gut informiert und hatten auch keine wirklichen Fragen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich belästigt fühlen, weil sie eine Stunde mit irgendwelchen Jugendlichen sprechen mussten, die nicht so gut Englisch konnten. Im Fall der Fernsehbrücke mit Rostow wussten wir wenig voneinander. Die Jugendlichen aus Rostow hatten viele Fragen, und die Schüler aus Dortmund auch. Durch den Eisernen Vorhang kam zu wenig Information über den Lebensalltag. Die Korrespondenten mussten unter Zensurbedingungen arbeiten. Es war gar nicht möglich für Korrespondenten, sich frei im Land zu bewegen und wahre Geschichten aus dem Alltagsleben der sowjetischen Menschen aufzunehmen. Jede Fahrt, jede Drehgenehmigung musste damals bei KGB beantragt werden. Dass diese Fernsehbrücke mit Rostow am Don damals zustande gekommen ist, war wirklich einzigartig!

Über politik der hohen Ebene und „Diplomatie von unten“ – ein Interview mit Prof. Dr. Peter Schulze

„Was das Menschliche betrifft, bin ich mir sicher, dass wir trotz vieler Unterschiede uns dennoch sehr nah sind“ – Ein Interview mit Dr. Julia Bryk

„Besonders wichtig sind die persönlichen Kontakte und der vertrauensvolle Umgang miteinander“ – Ein Interview zum Thema „Partnerschaft der IHK zu Dortmund mit der IHK zu Rostow am Don“ mit Roland Kussel

Wie und wann ist die Partnerschaft zur IHK zu Rostow am Don entstanden?

Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Rostow und Dortmund kam es im Oktober 1992 zu einem Treffen mit Vertretern der IHK zu Rostow in der IHK zu Dortmund. Die IHK zu Rostow befand sich zu dem Zeitpunkt noch im Aufbau und interessierte sich stark für die Arbeit und Funktion einer deutschen Industrie- und Handelskammer. In diesem Gespräch sagte die IHK zu Dortmund ihre Unterstützung, beispielsweise durch den Austausch von Praktikanten, zu. Dieses Gespräch war der Grundstein der bis heute anhaltenden Partnerschaft. In 1997 wurde auch noch ein formales Abkommen unterzeichnet.

 

Worin äußert sich die Partnerschaft genau?

Insbesondere in der Aufbauphase der IHK zu Rostow kam es zum regelmäßigen Austausch von Mitarbeitern und der Organisation von gemeinsamen Veranstaltungen und Delegationsreisen. Im Laufe der Jahre hat sich die IHK zu Rostow zu einer der bedeutendsten russischen Industrie- und Handelskammern entwickelt und setzt sich heute sehr erfolgreich für alle Belange der Unternehmen im Süden Russlands ein. Inzwischen hat die Intensivität der Zusammenarbeit nachgelassen. Der letzte Besuch fand im Rahmen des 150-jährigen Jubiläums der IHK zu Dortmund statt – das war 2013.

 

Wie profitieren deutsche und russische Unternehmer von der Partnerschaft der IHK zu Dortmund mit der IHK zu Rostow am Don?

Im Rahmen von Treffen zwischen Unternehmern aus beiden Städten konnten Kontakte geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht werden. Gerne stehen beide IHKs für die Mitgliedsunternehmen aus den Partnerkammern als Ansprechpartner zur Verfügung. Da deutsche Unternehmen ihr Engagement eher überregional in Russland ausrichten, ist aber die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer ebenso als wichtiger Ansprechpartner zu benennen.

 

Thema Ausbildung: Gibt es in diesem Bereich eine Kooperation?

Die duale Berufsausbildung in Deutschland hat sich bewährt und internationale Anerkennung gefunden. In zahlreichen Ländern – auch Russland – gibt es Initiativen, dieses Modell in geeigneter Form zu übernehmen. Die IHK zu Dortmund unterstützt aktiv solche Projekte in China, Spanien und Lettland.

 

Sind künftige gemeinsame Projekte geplant?

Gegenwärtig nicht.

 

Sind Sie schon selbst in Russland gewesen? Was schätzen Sie an Russland?

Ich selbst war schon sehr oft in Russland und habe beispielsweise Unternehmerdelegationen nach Rostow, Samara und Nishnij Nowgorod begleitet. Das Land beeindruckt mich hinsichtlich der Größe von Europa bis zum Fernen Osten mit ganz unterschiedlichen Klima- und Zeitzonen. Außerhalb der großen Städte erwartet einen die ursprüngliche Natur. Die Menschen habe ich als sehr herzlich und ebenso gastfreundlich kennengelernt.

 

Gibt es Unterschiede (oder Gemeinsamkeiten) zwischen Russen und Deutschen darin, wie sie Geschäfte führen?

Aus meiner Sicht gibt es keine großen Unterschiede. Besonders wichtig sind die persönlichen Kontakte und der vertrauensvolle Umgang miteinander. Dabei sollte man aber die Vertragsgestaltung und kaufmännische Gepflogenheiten nicht aus dem Blick verlieren.

 

Wie würden Sie Ihre persönliche Erfahrung mit russischen Unternehmen beschreiben?

Russische Unternehmen interessieren sich sehr für eine Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen. Wenn der erste persönliche Kontakt hergestellt ist, kann sich daraus eine lang anhaltende, gute Geschäftsbeziehung ergeben. Dabei hilft es, dass deutsche Produkte in Russland hoch geschätzt werden. Allerdings muss man etwas Geduld mitbringen.

 

Wirkt sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf die Partnerschaft aus?

Die Region Rostow am Don ist stark betroffen, da sich das Krisengebiet in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Auf unsere Partnerschaft hat das keinen Einfluss. Allerdings haben die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern wegen der Sanktionsmaßnahmen insgesamt stark nachgelassen. Davon sind Unternehmen in beiden Ländern, je nach Branche, mehr oder weniger stark betroffen.

 

Wie sehen Sie das Verhältnis von Deutschen und Russen in 5/10 Jahren?

Das Verhältnis war immer wieder von Höhen und Tiefen geprägt. Ich persönlich gehe davon aus, dass es auch für die aktuell verfahrene Lage eine politische Lösung geben wird. Wichtig ist es, gerade in der gegenwärtig schwierigen Zeit die persönlichen Kontakte und Freundschaft zu pflegen. Dann werden wir in Zukunft noch besser zusammenarbeiten,  als wir es in der Vergangenheit bereits getan haben.

 

Roland Kussel ist Referent der IHK zu Dortmund.

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