Werner Nass: Diplomatie von unten

Ein Europa ohne Russland  – das wäre eine Tragödie

Dieser Mann ist ein Urgestein. Eines, für das man sich Zeit nimmt. Und das mit Freude. Vor allem deswegen, weil man etwas geschenkt bekommt, das es heute kaum noch gibt: Es ist die gefundene Trophäe eines journalistischen Wühlers in Gestalt einer Persönlichkeit, die „was“ zu sagen hat.

Werner Nass ist ein Mann, der in Dortmund Geschichte gemacht hat. Er ist derjenige, der 1989 Gorbatschow nach Dortmund holte. Dass dieser tatsächlich kommen würde, daran glaubte zunächst niemand. Aber als dann der Gorbatschow-Zug Fahrt aufnahm, hatte der Erfolg wie immer, hinterher viele Väter.

Der einzig wirkliche Vater ist jedoch Werner Nass.

Stolz nennt er sein Motto: Diplomatie von unten. „Ich habe immer als Betriebsrat agiert, und genau der Einladung der Arbeiter – dem ist Gorbatschow auch gefolgt.“

Anfang der 80er Jahre, erzählt Nass, war die Welt politischer. „Überall wehte der Hauch von Politik“. Da hätten sie den Politikern gezeigt und gesagt, wo es langgeht. Da waren die Belegschaften genauso auf der Straße wie die Studenten und Bürger. Es ging um viel zu Zeiten des Eisernen Vorhangs.

Immer wieder Thema war der Frieden und mit ihm die Abrüstung, die 1982 in den Nato-Doppelbeschluss mündete. „Da wurden bei uns Raketen stationiert, die dem Friedenswillen entgegenstanden“. Natürlich war er bei der Großdemonstration in Bonn 1983 mit 400.000 Menschen auch dabei. Nass hat sich den Blick über den Tellerrand immer bewahrt. So war er 1983 auch zum ersten Mal in der damaligen Sowjetunion. Man muss sich vorstellen, das war der damalige Feind. Gegen ihn richteten sich all die stationierten Pershing II und Cruise Missiles-Raketen. Die NATO stationierte Waffen gegen den Vorgarten der UdSSR. „Das war nicht richtig, dagegen haben wir damals vehement protestiert.“ Wie viele Kilometer er bei Demonstration gegen die Aufrüstung und für die Entspannungspolitik gelaufen ist, das weiß er nicht mehr.

Es kam dann noch eines hinzu: Er wollte den Blick hinter den Eisernen Vorhang wagen. Getreu dem Motto „100-mal lesen ist gut, 1-mal sehen ist besser“ machte sich Nass 1983 zum ersten Mal auf den Weg. Er wollte sehen und erleben, was sich tatsächlich in der UdSSR abspielte.

Bis heute reist er jedes Jahr nach Russland. Seit über 30 Jahren. „Wir waren und sind immer noch Freunde“. Die Freundschaft hat alles überdauert: UdSSR, Glasnost und Perestrojka und Putin. Diese Freundschaft kann nichts aus der Bahn werfen. Die bleibt.

1987 war er dann zum ersten Mal in einen Stahlkombinat, im zweitgrößten Stahlkonzern in Russland. Jedes Jahr geht die Reise wieder dorthin. Der Gegenbesuch ist immer im Dezember. Der Grund für diesen Zeitpunkt ist einfach und naheliegend: „Die mögen unseren Weihnachtsmarkt so sehr“, erzählt Nass mit einem Lächeln im Gesicht.

Dass es der Betriebsratsvorsitzende war, der es schafft den 1. Mann der Weltmacht Sowjetunion in seinen Betrieb zu holen und nicht die Konzernleitung, ist nicht nur seinem starken und eisernen Willen, sondern auch seiner unermüdlichen Hartnäckigkeit und guten Kontakten zu verdanken. Kurz: Nass war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 1988 war Helmut Kohl zum Staatsbesuch in Moskau, Nass bekam mit, dass ein Gegenbesuch geplant sei. „Da hatten wir bereits bessere Kontakte, wir waren doch längst im engeren Kreis“. Er nutzte seinen vorhandenen Draht zum Stellvertreter Gorbatschows.

Das sei schon ein bisschen frech gewesen, meint er wieder grinsend, aber schließlich gehöre das zur Diplomatie von unten.

Er selbst ist groß geworden mit der Entspannungspolitik Willy Brandts. „Der Kniefall in Warschau von ihm hat mir schon sehr imponiert“. Man verfolgte die Annäherung in kleinen Schritten, „gegen den erbitterten Widerstand der Konservativen in Deutschland“.

Jetzt sind die Gespräche in Russland schon ein wenig schwieriger geworden. „Ich habe niemanden getroffen, der nicht hinter Putin steht“. Man müsse sich in die russische Seele versetzen. Dieses Volk habe unendlich gelitten. 27 Millionen Menschen ermordet, trotzdem habe er nie Hass gespürt. Natürlich sind sie sehr stolz darauf, dass sie es waren, die die Nazis besiegt haben. Es gibt kein Dorf, in dem die Nazis nicht ihre Blutspuren hinterlassen haben.

Werner Nass folgt einem Weg. Und das ist der des miteinander Sprechens. „Wir dürfen dem russischen Volk nicht das Gesicht nehmen. Die Sanktionen haben nur den Erfolg, dass sie alle enger gegen uns zusammenrücken und zu Putin stehen.“

Für Werner Nass gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Russen und Deutschen. „In den letzten 200 Jahren gab es mehr gute als schlechte Begegnungen zwischen uns“. Es gäbe ein Ur-Verständnis zwischen den beiden Kulturen, „irgendwie ticken wir gleich oder sehr ähnlich“.

Wie er das Verhältnis in 5 oder 10 Jahren sieht? Tja, Hellseher sei er nicht. Aber hoffen würde er, dass Russland dann in die Wertegemeinschaft Europas eingebunden ist. „Ein Europa ohne Russland – das wäre eine Tragödie“.

Das Interview führte Martina Plum.

 

Werner Nass

1940            geboren

1954             Ausbildung zum Schmelzschweißer | erst bei Ferrostahl, dann bei Hoesch Westfalenhütte

1959 – 1975 Wechselschicht Breitband Walzwerk

1967           Vertrauensmann

1972            Vorsitzender der Vertrauenskörperleitung

1975            Betriebsrat

1979            Geschäftsführung des Betriebsrates

1987            Betriebsratsvorsitzender, Nachfolger seines Mentors Kurt Schrade

1989            Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates

1996            Vorsitzender des europäischen Betriebsrates

2001            seit 30. Juni im Ruhestand

Als Aufsichtsratsmitglied hat er alle Höhen und Tiefen der Stahlkrise erlebt.

 

Nass Werner und Gorbatschow Hoesch

Werner Nass und Michail Gorbatschow (1989). Foto: Franz Luthe

 

 

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