Erzählungen über Sibirien, traditionelle Küche und russische Frauen. Treffen mit Tatjana Kuschtewskaja.

Wie immer bei der Vorbereitung für Interviews hatte ich einige Fragen parat und hatte vor, die in dieser Reihe zu stellen, wie sie auf meinem Zettel standen. Aber aus dem Treffen mit der Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja wurde kein formelles Interview, sondern ein spannendes Gespräch über das Wohl und Weh, über Liebe und Schöpfertum. Tatjana erzählte mal über sich selbst, über ihren Lebensweg, mal über Held(innen) ihrer Bücher, mal über interessante Begegnungen. Durch alle Episoden ihrer Erzählung hatten immer etwas Gemeinsames, einen roten Faden – den Charakter eines schöpferischen, intelligenten und begeisterten Menschen.

Tatjana Kuschtewskaja wurde in Turkmenistan, in einer Oase mitten in der Wüste geboren. Das Leben bereitete ihr viele Wege, viele Reisen vor. Bald zog die Familie in die Ukraine, wo Tatjana zur Schule ging und Gedichte zu schreiben begann. Doch für ihren Vater war das kein vernünftiger Beruf, und Tatjana hat ihr Studium in der Musikfachschule angefangen. Warme und segenbringende Ukraine wurde für junge Tatjana irgendwann langweilig, alles war bekannt, wie eingefahrene Gleise. Tatjana träumte von der wilden  Natur…und fuhr nach Norden, nach Jakutien, und hoffte dort einen echten Jäger zu treffen. Dort arbeitete sie als Musiklehrerin in einer Schule. Aber als ein schöpferischer Mensch suchte sie immer nach neuen Eindrücken, und in den lagen Schulferien reiste sie durch Sibirien. Einige bringen Fotos aus der Reise mit, andere Souvenirs, Tatjana Kuschtewskaja trug nach jeder Reise ein neues Rezept aus der Küche Sibiriens in ihr Notizbuch ein. Weit in Sibirien gibt es keine Restaurants oder Bistro auf den Raststätten, aber man kann immer Unterkunft  und Essen bei den Einheimischen bekommen. Deswegen hat Tatjana nicht nur Rezepte aufgeschrieben, sondern auch Geschichte von den Menschen, die ihr mal etwas Leckeres gegeben haben. In vielen Jahren entstand aus diesen Notizen ein einzigartiges Buch „Küche Sibiriens“.

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Gastmahl bei den Burjaten Autor: Ruslan Najda

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Die Einzigartigkeit dieses Buches besteht darin, dass es Rezepten der nationaler Küche des Altai, der Jakuten, der Burjaten, Tschuktschen, Eskimos, Nenzen, Selkupen und anderer Völker Sibiriens und des Nordens, und außerdem Sprichwörter und Bräuche dieser Völker. Das ist ein wahres Fundstück für diejenigen, die Fleisch- und Fischgerichte mögen. Allerdings im Buch gibt es auch viele interessante Rezepte von Süßigkeiten, Gebäck und Salaten. Um diese Rezepte auszuprobieren, muss man nicht jagen gehen oder im Wald Pilze und Beeren suchen: Zutaten für die meisten Rezepte findet man in deutschen Supermärkten.

Streben nach einem kreativen Beruf und nach einer Karriere hat während des Lebens in der Öde des Jakutiens nicht nachgelassen, und Tatjana beschloss nach Moskau zu ziehen. Dort hat sie geschafft, einen Studienplatz in WGIK (das beste russische Institut für Kinematographie) an der Fakultät für Regie. In einigen Jahren wird sie sogar Dozentin in diesem Institut.

So war ihr vom Schicksal beschieden, dass sie 1991 ihre Karriere in Moskau beendet und nach Deutschland kommt. Ein schöpferischer Mensch ist ohne Schöpfertum nicht vorstellbar. In Deutschland beginnt Tatjana Bücher zu schreiben. Heldinnen einiger ihrer Bücher, wie z.B. „Am Anfang war die Frau. Die Frauen russischer Genies“, „Russinnen ohne Russland“ sind Frauen und Lebensgefährtinnen russischer Maler, Künstler, Schriftsteller, die oft im Schatten ihrer Männer blieben, obwohl sie manchmal nicht weniger begabt waren. Siewerden nicht immer in den Biographien berühmter Männer erwähnt, deswegen ist es für Tatjana Kuschtewskaja  nicht immer einfach, Material für ihre Bücher zu sammeln. Doch dank ihrer Mühe, bring ihr das Schicksal interessante Begegnungen. Zum Beispiel, als Tatjana mehr über die Frau des berühmten Komponisten Sergej Rachmaninow erfahren wollte, hatte sie eine schöne Möglichkeit bekommen, sich mit dem Enkel des Komponisten zu treffen.

Ein anderes Thema ihrer Bücher – sind Geschichten über die Reisen durch Russland, über die Traditionen und Küche. Tatjana hat eine Serie der Bücher darüber:

  • „Transsibirische Eisenbahn“
  • „Die Poesie der russischen Küche“
  • „Meine sibirische Flickendecke“
  • „Der Baikal“ und andere.

Es ist nicht einfach Leserinnen und Leser in Deutschland zu finden. Nach mehreren Absagen von den Verlagen, hat Lev Kopelev durch Zufall Manuskripte von Tatjana Kuschtewskaja bekommen. Er hat eine gute Rezension geschrieben und hat den Büchern eine Chance gegeben. Bis heute hat Tatjana 19 Bücher geschrieben, sie werden von dem Verlag „Wostok“ und dem „Grupello-Verlag“  herausgegeben.

Tatjana Kusctewskaja Foto aus dem Archiv der Schriftstellerin

Tatjana Kusctewskaja
Foto aus dem Archiv der Schriftstellerin



 

Eine Leserin über das Buch „Sibirische Flickendecke“:

„Ich war am 8.März bei Ihrer Lesung in der Stabi in München und war sehr berührt von der Stimmung  und beeindruckt von der Art und Weise, wie Sie Ihr Buch  präsentiert haben.

Mit viel Emotion und Leidenschaft für den Menschen und das Leben. Ich hatte mir die „Sibirische Flickendecke“ besorgt und mit Interesse gelesen. Sie schaffen sehr anschaulich und mit viel Herz und Respekt für den Menschen, Begegnungen und Ereignisse zu schildern, sowie Landschaften und Örtlichkeiten anschaulich zu beschreiben. Vollkommen unprätentiös und natürlich. Habe einiges schon in der Vergangenheit über Sibirien gelesen. Mag ansonsten an östlicher Gegenwartsliteratur sehr gerne Aitmatov, Rytcheu.

Ihre Art und Weise für die Frauen zu sprechen ist kraftvoll und authentisch. Gefällt mir sehr gut – berührend und interessant.


 

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